Hochsensible Mütter und KinderÜber Hochsensibilität

Sind alle Hochsensiblen hochbegabt?

 

Eines meiner Anliegen ist, Klarheit in den Wirrwarr von Halbwahrheiten und Missverständnissen zu bringen, was Hochsensibilität ist.

Dieses Anliegen ist mir so wichtig, dass ich deshalb das Bloggen angefangen habe..

Es steht sogar als Motto im Infoblock auf meiner Startseite.

In diesem  Beitrag betrachte ich eines der häufigsten Missverständnisse im Zusammenhang mit Hochsensibilität:

 

„Alle Hochsensiblen sind hochbegabt und alle Hochbegabten sind hochsensibel.“

 

Leider werden sehr regelmässig Artikel in der HS -Szene veröffentlicht, in denen diese Behauptung beständig wiederholt wird – allerdings werden sie deshalb nicht wahrer!  Zu was für absurden Missverständnissen diese Behauptung führen kann, zeigt dieser Leserbrief:

“ Ich war gestern beim IQ-Test. Ergebnis: 120 Punkte! Das hat mich völlig geschockt! Nur überdurchschnittlich, aber nicht hochbegabt.  Also kann ich gar nicht hochsensibel sein! Davon bin ich jetzt viele Jahre ausgegangen! Bin ich doch psychisch krank? – Ich bin fix und fertig.“

Aber was bedeutet eigentlich Hochbegabung?

 

Hochbegabung

Das Schöne an Hochbegabung ist, dass der Begriff – anders als Hochsensibilität – eindeutig definiert ist. Als hochbegabt gilt, wer einen IQ ab 130 hat.

Nach dieser Definition ist Hochbegabung gleichbedeutend mit hoher Intelligenz.  Anders gesagt: Hoch entwickelte kognitive Fähigkeiten.  (Wie sinnvoll oder unsinnig das ist, soll an dieser Stelle nicht weiter erörtert werden.)

Der IQ – also der Intelligenzquotient – wird mit standardisierten Intelligenztests gemessen. Danach gelten ganz allgemein folgende Richtlinien:

„IQ kleiner als 70: geistige Behinderung; IQ 70 bis 84: unterdurchschnittliche Intelligenz; IQ 85 bis 115: durchschnittliche Intelligenz / wird von ca. 2/3 der Bevölkerung erzielt; IQ 116 bis 130: überdurchschnittliche Intelligenz; IQ größer 130: Hochbegabung.“

http://(https://www.psychomeda.de/lexikon/iq-intelligenzquotient.html)

Bis zu 15 Punkte gelten als Standardabweichung.

Noch in den 80er Jahren wurden in bestimmten Fällen Kinder getestet, um besser über den Besuch von weiterführenden Schulen entscheiden zu können. Richtlinie war damals: Bei einem IQ um die 115 kann man den Besuch eines Gymnasiums empfehlen; ein IQ von100 dagegen reicht nicht.

Wieviele Menschen haben einen IQ von mehr als 130? Etwa 2 % der Bevölkerung.

 

Bücher im Kopf

 

Zwei Prozent! Der Anteil Hochsensibler in der Bevölkerung wird aber mit ca 15% (oder sogar mehr) angegeben! – Auch wenn ich persönlich die Ansicht vertrete, dass ein Teil dieser 15  oder mehr % nicht wirklich HS ist, sondern hochempfindlich, d.h. hochsensitiviert durch Traumata,  ist ein sehr viel höherer Anteil der Menschheit hochsensibel als die 2% Hochbegabten.

Das muss doch jedem ins Auge springen! Wie also kommt es zu der Behauptung, alle Hochsensiblen seien auch hochbegabt?

 


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Eine Theorie geht davon aus, dass viele an der Grenze zur Hochbegabung liegen, so bei 128 Punkten. Allerdings habe ich keine Statistiken darüber gefunden, wie viele Menschen in diesem Grenzbereich liegen.

 

Der Intelligenzquotient

Eine andere Argumentation sagt, der Intelligenzquotient ist ja ein Durchschnittswert!  Dieser Durchschnitts Punktzahl wird viel zu viel Wert beigemessen, man muss mehr die einzelnen Begabungen betrachten.

Nehmen wir mal an, ich erreiche im IQ Test im mathematischen Bereich 80 Punkte, das ist eindeutig unterdurchschnittlich; damit hätte ich Probleme, mir den Lernstoff in Mathe für den Hauptschulabschluss anzueignen.  Dafür aber schneide ich im sprachlichen Bereich  mit 170 Punkten ab; das ist nicht nur hoch, sondern höchstbegabt! Zusammengerechnet ergibt das also 250 Punkte, dividiert durch 2 ergibt einen IQ von 125. Nicht ganz HB, aber immerhin gut überdurchschnittlich.

Die Frage, wie viel Sinn es macht, nur auf den IQ zu starren, ist also durchaus berechtigt.

Allerdings glaube ich, der Grund, dass einige Psychologen unbeirrt behaupten, alle Hochsensiblen seien hochbegabt und umgekehrt, liegt woanders.

 

Das vernetze Denken

Allen Hochsensiblen ist das vernetzte Denken zu eigen.

Ich behaupte sogar, diese sehr spezielle Art zu denken ist das einzige Merkmal, mit dem sich Hochsensibilität sicher von anderen Phänomenen mit ähnlichen Symptomen unterscheiden lässt.

Ebenso wird aber im Zusammenhang mit Hochbegabung vom vernetzen Denken gesprochen.

Aber: Ist damit wirklich dasselbe gemeint?

Was bedeutet vernetztes Denken?

Dabei werden viele oder sehr viele Querverbindungen hergestellt. Der Gegensatz zum vernetzten Denken ist lineares Denken: Ursache und Wirkung wird in eine Richtung gedacht, die den Gesetzen der Logik folgen. Beim vernetzten Denken werden gleichzeitig Beziehungen zu anderen Gegenständen hergestellt, es entstehen neue Querverbindungen.

 

Sonnenstrahlen erhellen den Wald
Seaq68 / Pixabay

 

Ich selber rede lieber vom radiären Denken als vom vernetzten Denken: Strahlenförmig von einem zentralen Punkt ausgehend in den gesamten Umkreis und dabei den gesamten Umkreis erleuchten.

Das entspricht der Art, wie Hochsensible denken.  Vernetztes Denken geschieht unglaublich schnell. Das extrem schnelle Erfassen von Zusammenhängen ist aber ebenfalls ein Merkmal für Hochbegabung und ein wichtiger Indikator bei IQ-Tests.  Auf diesem Hintergrund ist es verständlich zu sagen, „alle Hochsensiblen sind auch Hochbegabte“, ohne dem  IQ-Wert Beachtung zu schenken.

Der entscheidende Unterschied ist aber:

Hochsensible denken in Bildern. Das heisst, sie bewegen  sich nicht blitzschnell vom Mittelpunkt die Strahlen entlang in Gedanken, sondern sie sehen das Netzwerk als Bild in seiner Gesamtheit. Und dieses Bild bewegt sich, oft entstehen mehrere Bilder übereinander gelegt. Immer sieht man das Gesamte zuerst; um dann nach Details zu suchen. (Das ist der Grund, warum HS-Kinder anders lernen – vom Gesamtbild zum Detail).

siehe auch Über den Wahrnehmungsprozess von Hochsensiblen

Ich selbst kann mir nicht vorstellen, in Worten zu denken.  Worte denken – ja, das geht – in Meditationen beispielsweise. Das ist dann eher ein vorstellen. Denken in Worten, als Prozess? Kann ich nicht. Was ich kann, wie jeder HSM; ist, linear zu denken; das heisst, mich auf den einen einzigen Gegenstand zu konzentrieren, aber selbstverständlich im Bild. Während meiner Gymnasial – und Studienzeit habe ich mir dann auch des öfteren anhören müssen, ich könne nicht denken. Nicht nur im Philosophiekurs, sondern auch später im Kurs für Entwicklungspsychologie, wo gelehrt wurde, Denken baut immer auf Sprache auf. Demnach denke ich also nicht. Denn ich sehe Bilder, Filme, und übersetze diese in Sprache. Also folgt die Sprache aus dem Denken.  Oder muss ich sagen: Ich denke nicht, ich schaue. Gut, aber das gilt für alle hochsensiblen Menschen.

 

Fazit: Alle Hochsensiblen sind Bilderdenker.

Ob das auch umgekehrt gilt? Sind alle Bilderdenker hochsensibel? Soweit ich weiss, ist das noch nie untersucht worden; es würde mich sehr interessieren!

Und wie denken nun Hochbegabte?  Auf jeden Fall extrem schnell. Sie haben längst die Lösung gefunden, wenn die Normalbegabten noch grübeln.

Viele Hochbegabte sind Bilderdenker; und ein grosser Teil ist auch hochsensibel.

Aber eben nicht alle.  Es gibt Hochbegabte, die nur linear – einer sagte mal: binär denken können. Wie ein Computer: es gibt nur zwei Optionen, plus oder minus.  Und wie ein Computer werden in Überschallgeschwindigkeit die Linien der Reihe nach abgelaufen, in irrsinniger Geschwindigkeit entsteht dabei ein Netzwerk.

Im Endergebnis mag dabei dasselbe Netzgeflecht erscheinen wie beim Bilderdenken, aber der Prozess ist ein vollkommen anderer. Sogar entgegengesetzt: In dem eben beschriebenen Prozess geht es vom Detail zum Gesamten; bei Hochsensiblen ist es, siehe oben, umgekehrt.

 

Sind alle Hochbegabten hochsensibel?

Hier noch einige weitere Argumente, warum Hochsensibilität nicht mit Hochbegabung gleichgesetzt werden kann:

Es gibt eine ganze Reihe hochbegabter Wissenschaftler, die ausschliesslich in Worten und Zahlen denken können, für die das Bilderdenken völlig  unvorstellbar ist.

Viele Soziopathen (früher Psychopathen) sind hochbegabt.  Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass nicht alle HSM emotional empathisch sind und Persönlichkeitsstörungen entwickeln können, kann man wohl behaupten, dass Hochsensibilität und Soziopathie oder dissoziale Persönlichkeitsstörung sich gegenseitig ausschliessen.

 

Vielbegabung

Aquarell
silkebr / Pixabay

 

Andererseits gibt es viele minderbegabte und geistig behinderte Hochsensible. Manchmal wird behauptet, geistige Behinderung und Hochsensibilität schliesse sich gegenseitig aus, da die Intelligenz gar nicht ausreicht zum vernetzten Denken. Allerdings hat das Denken in Bildern, das „Schauen“ von Zusammenhängen, nur wenig mit der Intelligenz zu tun. Man spricht heute in der Heilpädagogik auch eher vom Entwicklungsalter als vom IQ; demnach kann ein erwachsener Behinderter auf dem Stand eines 3-, 6,- oder 10jährigen sein. Und niemand würde behaupten, ein 3-jähriges Kind kann nicht HS sein, weil seine Denkfähigkeit noch nicht ausreicht! Hochsensible Geistig-Behinderte fallen, wenn sie gut sprechen können auf durch grosse Kreativität, das Finden von erstaunlichen Lösungen; sie nehmen die Welt immer als Ganzes wahr, fühlen sich mit allem verbunden, sind hochempathisch, oft Synästhetiker,  leiden extrem unter Ungerechtigkeiten, sind echte Weltverbesserer. Viele sind zudem künstlerisch sehr begabt.

Man kann also davon sprechen, dass sie begabt sind; vielbegabt! Aber eben weit weg von dem, was als Hochbegabung definiert wurde.

 

Zusammenfassung

Aufgrund der Tatsache, dass nur 2% der Bevölkerung hochbegabt sind, ist es ausgeschlossen, dass alle Hochsensiblen – immerhin 10 – 20% der Bevölkerung HB sind.

Hochsensible denken immer in Bildern.

Viele Hochbegabte denken nicht visuell, sondern ausschliesslich in Worten.

Hochsensibilität und stark verminderte Intelligenz schliessen sich nicht aus.

Es gibt sehr viele Hochbegabte, deren Sensibilität sowohl physisch als auch geistig-seelisch nur unterdurchschnittlich ausgeprägt ist.

Für die spezielle Art von Begabung, die im Zusammenhang mit Hochsensibilität auftritt, schlage ich den (nicht von mir erdachten) Begriff Vielbegabung vor.

Denn manche Hochsensiblen sind hochbegabt; aber alle Hochsensiblen sind vielbegabt!

 

Wie immer freue ich mich über einen Kommentar; berichte gerne über deine Erfahrungen!


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6 Gedanken zu „Sind alle Hochsensiblen hochbegabt?

  1. Guter und aufschlußreicher Beitrag. Ich denke auch, dass wir mit unseren IQ-Tests die Menschen zu sehr in ein Nummernschema pressen. Nicht jeder kann beste Ergebnisse in jedem Bereich erzielen. Deswegen gibt es ja Buchautoren, Physiker, Lehrer und Komponisten. Jeder der sich auf seine Stärken spezialisiert, wird irgendwann herausragend in seinem Gebiet werden.

    Ich habe auch immer geglaubt, dass das Denken in Bildern die „natürliche“ Methode ist, wie unser Gehirn arbeitet. Nach diesem Artikel muss ich das wohl noch einmal überdenken. Vielen Dank für den Beitrag.

    1. Hallo Marian, es freut mich natürlich sehr, wenn es mir mit einem Beitrag gelingt, Leser zum Weiterdenken oder besser, zum Weiterforschen anzuregen! Danke, für Deinen Kommentar,
      Lieben Gruss, Jutta

  2. Hallo Jutta,
    ich fand Deinen Beitrag super spannend! Vielen Dank dafür!

    Das Denken in Bildern kenne ich auch – ich habe früher immer gedacht, dass das jeder Mensch so mache – aber dem ist wohl nicht so.

    Dem IQ-Test stand ich immer skeptisch gegenüber und habe nie einen gemacht – von dem, was ich darüber gelesen hatte, hat sich bei mir der Eindruck entwickelt, dass er mathematisch begabte Menschen bevorzugt. Da Mathematik nicht wirklich meine Stärke ist, wollte ich es nie so genau wissen … 😉

    Zauberhafte Grüße
    Birgit

    1. Hallo Birgit,
      vielen Dank für Deinen Kommentar! – Irgendein bekannter Psychologe (dessen Namen ich mir nicht gemerkt habe)antwortete auf die Frage, was eigentlich Intelligenz sei:“ Intelligenz ist das, was der Intelligenztest misst.“ – Ob mathematisch begabte Menschen da besser abschneiden, kann ich nicht sagen, aber lineares Denken auf jeden Fall, und das schliesst leider kreative Lösungen aus.

      Liebe Grüsse, Jutta

  3. Hallo Jutta
    Ich habe auch schon gehört dass man entweder in Bildern oder in Worten denkt. Jedoch habe ich das Gefühl dass ich nichts von beidem mache. Eher vermute ich dass ich in Gefühlen denke. Hast du damit Erfahrungen?
    In Worten denke ich nur, wenn ich mich konzentriere und etwas analysiere oder beten tue. Wenn ich spreche dann fallen mir oft einzelne Wörter in meinen Sätzen nicht mehr ein, die ich sonst eigendlich oft benutze. Dies ist stehts sehr ärgerlich und ich frage mich dann wieso mir das immer passiert…
    Jedoch habe ich den Eindruck dass ich auch keine Bilder sehe, also nicht in Bildern denke. Dafür spricht auch dass ich mir kaum merken kann wie mein Gegenüber aussieht. Ich würde ihn oft nur schwer wiedererkennen. Auch was Leute für Kleider tragen kann ich oft im nachhinein nicht beantworten. Ich weiss dass dies auch passiert weil ich beim Kommuniziere meine Fühler /Antennen alle ausfahre und mit allen Sinnen wahrnehme und deshalb nicht so auf das Offensichtliche achte, aber ich kann wirklich nicht mit Bestimmtheit sagen dass ich in Bildern denke oder eben ohne Bilder….
    Wenn es übungen gibt, in denen man an nichts denken soll und sich nur auf sich selbst konzentrieren, dann fällt mir das stehts sehr leicht, denn das ist der Zustand in dem ich oft in meinem Alltag auch bin…

    1. Ganz lieben Dank für diesen Kommentar! Das finde ich extrem spannend! Nur in Gefühlen zu denken habe ich noch nie gehört, es fällt mir schwer, das vorzustellen, weil da sofort die Bilder kommen.. Etwas anderes ist es, dass die Bilder natürlich Gefühle auslösen; dass Gefühle untrennbar mit dem Denken verbunden sind. ( Das wirft natürlich sofort neue Fragen auf: Ist das bei den Wortdenkern auch so?) Allerdings sind zumindest bei mir zuerst die Bilder , dann die Gefühle. Es wäre seehr interessant, dazu mehr Erfahrungen zu hören.

      Liebe Grüsse, Jutta

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