Hochsensibilität

Hochsensibilität – der neue Trend

Anja hat letzte Nacht schlecht geschlafen. Schon zum 2. Mal diese Woche. Auf dem Weg zur Arbeit macht sie sich Gedanken – ob das Wechseljahrssymptome sind? Altersmässig würde es passen.

Im Büro angekommen, fragt die Kollegin, warum sie so nachdenklich aussieht. Anja berichtet von ihrer Schlaflosigkeit und dass sie sich deshalb Sorgen macht.

Meinst du, ich sollte mal zum Arzt gehen? fragt Anja die Kollegin. Die ist wirklich sehr empathisch, erzählt, sie habe gestern einen Artikel im Internet über Hochsensibilität gelesen; Anja ist doch auch so sensibel; und die Schlaflosigkeit, das passt auch. Warte mal schnell, hier gibt es doch einen Test…..

Und schon hat Anja den Link zu einem Test  „Bin ich hochsensibel“ auf dem PC. Und siehe da – ja, eigentlich –  also wenn sie überlegt, sie ist schon auch geräuschempfindlich, und Gerüche – bah…. wenn der Nachbar im Aufzug nach Schweisssocken riecht… Und, wer hätte das (nicht) gedacht, am Ende steht bei Anjas Punktzahl: „…. Hochsensibilität ist bei Ihnen durchaus möglich“.

Na sowas! Anja beginnt sich mit Hochsensibilität auseinanderzusetzen. War sie nicht als Kind schon immer…? Ja, und dann ihre Depression vor 25 Jahren! „Hochsensible Menschen sind besonders anfällig für Depressionen“. Jetzt ist Anja einiges klar.

Nach Feierabend ist sie mit Claudia verabredet. Leider muss Claudia absagen, sie fühlt sich nicht wohl. Solltest du nicht besser morgen zum Arzt gehen? fragt Anja? Nein, wegen so was nicht, sagt Claudia, schon wenn sie an das volle Wartezimmer denkt… da wird sie ja erst richtig krank.

Und plötzlich ist Anja klar: Claudia ist hochsensibel! Ach, denkt Claudia. Na ja, das könnte passen. Ihr Horror vor Ärzten..  Die Freundinnen verabreden sich für den nächsten Tag zum Einkaufsbummel. Mit anschliessendem Cafebesuch.

 

Hochsensibilität – das erklärt alles!

Inzwischen hat auch Claudia den HS-Test gemacht. Ergebnis:“  Es könnte sein, dass Sie hochsensibel sind“. – Jetzt haben die Freundinnen ein neues Thema. Und wie Schwangere, die überall Mütter mit Kinderwagen sehen, entdecken sie plötzlich überall Hochsensible.

Vor zwei Wochen kannten Anja und Claudia nicht mal den Begriff, aber nun erkennen sie, wie viele Hochsensible es gibt! Vielen sieht man es ja an. (Der guckt schon so scheu…) Bei allen kann man natürlich nicht sicher sein, aber zum Glück gibt es ja den Test. Und der bestätigt bei fast jedem, bei dem Anja oder Claudia HS ahnen, diese Vermutung.

Claudia und Anja schliessen sich nun auch Internetforen für Hochsensibilität an, um sich dort auszutauschen. Als Neulinge auf dem Gebiet lernen sie dort viel.

Vor allem, was für eine Last Hochsensibilität ist.

Dass aber auch so viele Störungen dadurch entstehen – das wussten Anja und Claudia nicht!  Einige sind Alkoholiker geworden; sie sind so sensibel, dass sie die Welt nur mit Alkohol im Blut ertragen.

Dann die Arbeitslosen, die sich wegen ihrer hohen Sensibilität nicht konzentrieren können und deshalb arbeitsunfähig sind.

Manche leiden von Jugend an, seit über 20 oder 30 Jahren, an chronischen Depressionen; sie  hatten keine gute Beziehung zur Mutter, deshalb sind sie in der Pubertät hochsensibel geworden und damit auch depressiv.

 


Ja, ich hätte gerne regelmässig Informationen über neue Artikel und Neuigkeiten!

Die Datenschutzerklärung habe ich zur Kenntnis genommen.

 

ein Häuflein Gummibären
stevepb / Pixabay

 

Nein, mit diesem traurigen Häuflein Menschen wollen sich weder Anja noch Claudia identifizieren. Es gibt ja noch mehr minderschwere Fälle wie sie, oder? – Wie Claudias Kollege Stefan, der regelmässig einen Anfall kriegt, wenn wieder nicht gelüftet worden ist und er fast erstickt. So jemand kann ja nur hochsensibel sein! Oder Anjas Kollegin Andrea, die berichtet, ihr haben kleine Zuckerkügelchen gegen die Schlaflosigkeit geholfen – obwohl doch jeder weiss, dass da null Wirkstoff drin ist. Wenn sie so sensibel reagiert – ganz klarer Fall von Hochsensibilität, nicht wahr?

 

Nicht wahr!

Hochsensibilität ist ein Konstrukt,  noch längst nicht erforscht, nicht wissenschaftlich anerkannt. Elaine Aron, der die Ehre gebührt, den Begriff des  highly sensitive processing eingeführt zu haben, auf deutsch HSP,  fälschlicherweise übersetzt mit hochsensible Person – geht von ca 15% hochsensiblen Menschen aus. Andere sprechen von 10 -15%, manche auch von 15 -20%.

Das wären also jeder 5. bis 10. Ich selber bin davon überzeugt, dass 10% schon recht hochgegriffen ist.  Wie auch immer, noch zur Jahrtausendwende gab es Menschen, die waren einfach anders; fühlten sich wie auf einem fremden Planeten gelandet. Ein Lottogewinn, wenn sie jemanden trafen, der so tickte wie sie selbst, so fühlte und dachte.

Plötzlich aber gab es einen Namen dafür. Und jeder dieser wenigen, merkwürdig anderen wusste nun, dass er nicht völlig verrückt ist, nicht mal gestört, sondern hochsensibel.

Was für ein Wort. Wie unpassend. Denn Hochsensibilität hat mit erhöhter  Sensibilität nur bedingt zu tun.

siehe auch: Hochsensibilität -so was peinliches

Und mit dem neuen Begriff schossen die HSP  – die hochsensiblen Personen – wie Pilze aus dem Waldboden nach einem Sommerregen. Plötzlich erkannten und erkennen sich alle als hochsensibel.

Ein Hype ist entstanden. Wo man sich umhört, mindestens 50% der Menschheit betrachtet sich inzwischen als hochsensibel. Der neuste Modetrend. Ich auch! Ich auch!

Jeder will was besonderes sein, und Hauptsache, man ist anders als die anderen.

Was, du bist normal? Wie langweilig.

Ausserdem ist das Etikett hochsensibel ja eine wunderbare Entschuldigung für:

Zu spät kommen (die Bahn war so voll, ihr wisst doch, dass ich das nicht aushalte, musste eine Stunde später fahren);

Schlechtes Benehmen – als Hochsensible darf ich schon mal ’nen öffentlichen Wutanfall kriegen, bin ja so empfindlich;

Das 4. Mal wegbleiben wegen  Migräne diese Woche (Ich vertrage keine Schmerzmittel!);

sowie Begründungen für ständige Extrabehandlung: den besten Platz, das beste Zimmer, etc….

Endlich kann man sich rechtfertigen für kleine und grosse Macken!

 

Der Wunsch, etwas Besonderes zu sein

 

Ein ganz besonderer Gummibär
Alexas_Fotos / Pixabay

 

Vermutlich gibt es viele Menschen mit psychischen Problemen, die nicht genug Hilfe bekommen. Die auf der Suche sind nach Antworten. Warum? Warum habe ich immer wieder starke depressive Verstimmungen? Warum reagiere ich immer so empfindlich auf Kritik? Warum kann ich mich nie richtig konzentrieren? Warum habe ich solche sozialen Probleme im grossen Team? Therapieangebote sind sehr dünn gesät, also macht man sich selbst auf die Suche nach Erklärungen.

Seit Beginn der 2000er wird dafür immer stärker das Internet eingesetzt – Google weiss alles. Man stösst auf den Begriff Hochsensibilität  – und wie wunderbar – plötzlich hat man eine Erklärung, eine Ursache gefunden! Gleich fühlt man sich besser. In den Selbsthilfegruppen bekommt man zusätzlich Unterstützung.

Und ist es nicht toll, etwas besonderes zu sein?  Ich bin hochsensibel! – Wow – man hebt sich heraus aus der grauen Masse! – Allerdings ist es doch recht einsam… etwas besonderes mag ich sein, aber nicht allein…. Nun streiten zwei widersprüchliche Tendenzen miteinander:

Der Wunsch, herauszutreten aus der Masse und die Angst vor Aussenseitertum, der „Herdentrieb“. Und auf diese Weise verbreiten sich gewisse Etiketten und werden inflationär: Das gilt keineswegs nur für Hochsensibilität. Man kann stattdessen auch einsetzen: Glutenunverträglichkeit z.B.

 

Warum Hochsensibilität gefährlich ist

Nein – Hochsensibilität ist eine wunderbare Gabe. Ohne wenn und aber. Nur ist jeder hochsensible Mensch in allererster Linie zunächst mal: Mensch. Und dieses Menschsein macht wesentlich mehr aus als die Hochsensibilität. Und zur Menschlichkeit gehören auch Schwächen und Fehler.  Einige dieser persönlichen Schwächen ärgern nur einen selbst, wie der ständige Griff zur Schokolade; unter anderen leidet die Umwelt, wie das schnelle aus-der-Haut-fahren. Je älter mensch wird, desto mehr stören einen in der Regel die eigenen Schwächen.  Und hier kommt ein Konstrukt wie Hochsensibilität wie gerufen: Erklärt alles. Entschuldigt alles! – ich kann ja nichts dafür.

Wie bequem. Endlich kann ich mich auf meinen Fehlern ausruhen. Sich zu besinnen, warum fahre ich immer aus der Haut? Warum esse ich ständig Schokolade? Wie kann ich das ändern? – Lohnt doch nicht, zwecklos. Ich bin halt hochsensibel!

So befreit das Etikett der HS davon, über sich nachdenken zu müssen.  sich selbst zu reflektieren.  Das Etikett der HS kann somit die Denkfaulheit fördern.

Achtung: Der letzte Absatz steht in massivem Widerspruch zu den typischen Eigenschaften von Hochsensibilität; als da wären: sehr tief über alles nachdenken, alles sehr ernst nehmen; sich selbst immer zu reflektieren.

siehe auch:Bin ich hochsensibel?

 

Aber dieser Artikel handelt davon, warum Hochsensibilität so inflationär geworden ist.


Ja, ich hätte gerne regelmässig Informationen über neue Artikel und Neuigkeiten!

Die Datenschutzerklärung habe ich zur Kenntnis genommen.

 

Hochsensibilität in aller Munde

Aber hat es nicht auch Vorteile, wenn sich auf einmal gefühlte 50 bis 60% der Menschheit als hochsensibel betrachten?  Es kann doch nur positiv sein, wenn endlich alle Psychologen, Psychiater, Therapeuten auf diese Weise sich endlich mit Hochsensibilität auseinandersetzen? Denn viele Kinder und Jugendliche haben durch ihre HS Probleme in Kindergarten und Schule; viele bekommen fälschlicherweise eine AD(H)S Diagnose, weil die Hochsensibilität nicht erkannt wird, bzw. keine oder viel zu wenig Kenntnisse darüber vorhanden sind.

 

Um Himmels Willen

Nein! Nichts könnte der Hochsensibilität mehr schaden! Denn dadurch werden eben irreführende Vorstellungen in die Welt gesetzt, wie, dass HS eine Krankheit sei oder eine Störung. Kein Wunder, wenn fast alle scheinbar Hochsensiblen unter Depressionen, Konzentrationsstörungen etc.pp. leiden!

 

 

Zusammenfassung und Fazit

Heutzutage scheint sich die halbe Menschheit als hochsensibel zu betrachten.  Je mehr Menschen versuchen, ihre Störungen mit HS zu erklären, desto grösser wird die Schar der angeblich Hochsensiblen. Diese Beobachtung löst bei Therapeuten und Coaches, welche mit Hochsensiblen Menschen arbeiten, Besorgnis aus.

Inzwischen  werden sogar die Begriffe und Vorstellungen von narzisstischer Störung – einer schweren Persönlichkeitsstörung – und Hochsensibilität immer mehr vermischt.

Die allermeisten HS-Tests sind extrem vage; demnach könnten theoretisch bis zu ca. 80% hochsensibel sein.

Der wirkliche Anteil an Hochsensiblen wird offiziell mit etwa 15% angegeben; in Wirklichkeit ist er aber vermutlich deutlich geringer.

Einem anderen Menschen HS zu attestieren, ist extrem schwer. HS geht immer einher mit einer anderen neuronalen Vernetzung, welche sich nur schwer nachweisen lässt.

Ein Mensch, der hochsensibel ist, hat ganz besondere Gaben, die er fördern kann; sowie einige Schwächen, an denen er arbeiten sollte.

Ein Mensch, der sich fälschlicherweise für HS hält aufgrund von z.B. Traumata oder Depressionen, tut sich selbst einen Bärendienst. Statt sich auf dem Etikett hochsensibel auszuruhen, wäre es sinnvoller, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Diese Empfehlung gilt für alle, die hochsensibel sind oder glauben, es zu sein, und darunter leiden.

siehe auch: hochsensibel oder hochempfindlich?

 

Wie immer freue ich mich über Kommentare! (Unter dem Kontaktformular)

Und passend zum Thema, kannst du hier meine Checkliste erhalten. Darin werden die Testfragen der gängigen HS Tests näher betrachtet, so kann die Liste dir dabei helfen, zu erkennen, ob du ein Hochsensibler Mensch bist.


Ja, ich hätte gerne regelmässig Informationen über neue Artikel und Neuigkeiten!

Die Datenschutzerklärung habe ich zur Kenntnis genommen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.