Hochsensibilität allgemeinLeben als Hochsensibler

Nein, ich muss nicht!

Katze

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Lesezeit ca: 3 Minuten
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Jutta Administrator
Mein Name ist Jutta Jorzik-Oels, als Berater und Coach bin ich spezialisiert auf Hochsensibilität. Ich helfe hochsensiblen Menschen in Krisensituationen.

 

Dieser Artikel ist mein Beitrag zu der Blogparade von Elke Schwan-Köhr von Federführend-Media  mit dem herrlich provokanten Titel „Einen Scheiss muss ich“.

 

Hast du mal gezählt, wie oft dir  an einem Tag ein „du musst“ entgegen tönt?

Meist von unbekannten Menschen bei alltäglichen Begegnungen „dat müssen Se erst wiegen, Frollein“,  „Sie müssen das hier abgeben“, oder „Zum Bahnhof müssen Sie rechts“.

Das Wort müssen in diesem Zusammenhang ist übrigens eine Spezialität der deutschen Sprache! Was das über die deutsche Mentalität aussagt, wäre auch ein oder zwei Überlegungen wert! Im finnischen würde man in o.e. Situationen sagen „Ich würde…. das erst wiegen, … dahinten parken, …. rechts abbiegen“.  Zu einem Finnen zu sagen, „du musst das so machen“, ist die sicherste Methode, sich diesen Menschen auf ewig fern zu halten!

Die Aufforderung „du musst“ kann man auch etwas netter verpacken: “ tu dies“, „mach das so“, „lass das!“.

Ich habe das schon als Kind gehasst!

Denn wenn ein Kind etwas tun muss, so und nicht anders tun soll, gibt es keine Alternative. Man wird zum Befehlsempfänger degradiert. Die Möglichkeit, sich auszuprobieren und zu lernen, ist nicht da. Wie soll man denn da als Erwachsener selbständige Entscheidungen treffen können, wenn man immer nur musste?

Ich gebe zu, ich war ein aufsässiges Kind.  Denn ich habe die Eigenschaft, alles zu hinterfragen. Ich möchte verstehen, warum ich etwas tun muss. Das mag mit meiner Hochsensibilität zusammenhängen; es ist typisch für Hochsensible, den Dingen auf den Grund zu gehen.  Bei mir kam von Kind an ein unbändiger Freiheitsdrang dazu: Die Freiheit, selbst zu entscheiden. (Eine Laufbahn bei der Bundeswehr schied deshalb von vornherein aus.)

Dieser Freiheitsdrang ist mir geblieben. Wenn ich darüber nachdenke, so komme ich zu dem Schluss, dass mein Wunsch nach Entscheidungsfreiheit zutiefst mit dem Wunsch, die Dinge bis auf den Grund zu verstehen, zusammenhängt.

Das ist auch die Hauptursache dafür, dass ich im Beruf immer die selbständige Tätigkeit einer sicheren Festanstellung vorgezogen habe. Damit kein Missverständnis entsteht: Ich habe überhaupt kein Problem damit, mich an bestimmte, allgemein gültige Regeln zu halten. Ich halte an roten Ampeln, blinke beim Abbiegen, grüsse die Nachbarn und verbrenne keine Gartenabfälle.  Rücksichtnahme auf andere ist für mich selbstverständlich.

Allerdings vertrete ich sehr konsequent die Ansicht, dass Regeln geschaffen wurden, das menschliche Zusammenleben zu erleichtern,  sinnfreie Regeln übertrete ich auch gerne mal.

Und dann gibt es natürlich noch die unzähligen „du musst“ im Bereich Marketing, wenn man eine Website mit einem Blog unterhält und versucht, seinen Lebensunterhalt als Coach und Berater zu fristen. Bei diesen Regeln geht es natürlich um den Nutzen; sprich den beruflichen Erfolg; gemessen in Umsatz.

Diese Regeln mögen für Viele durchaus Sinn machen. Recht viele dieser Regeln machen für mich persönlich jedoch keinen Sinn. Weil ich so einfach nicht arbeiten will.

Denn meine hochsensiblen Kunden ticken ähnlich wie ich. Ergo denke ich: Ich muss gar nichts! Bzw. ich muss das tun, was für mich passt!

Ich tue das, was ich als richtig für mich erkannt habe!

Dafür zahle ich allerdings einen Preis.

Denn Regeln verbinden. Sie vermitteln eine gewisse Zusammengehörigkeit. Vermutlich halten sich auch deshalb die meisten Menschen an Regeln, weil sie dazugehören wollen. Z.B. zur Hausgemeinschaft; wenn von 22 bis 6 Uhr Nachtruhe herrscht, wird man ganz schnell zum Aussenseiter, wenn man regelmässig um Mitternacht laute Musik hört.

Indem ich beschliesse, dass ich nicht muss, mache ich mich zum Aussenseiter. Ich gehöre nicht wirklich dazu.

Ok, ich gebe zu: Für mich ist das nicht wirklich ein hoher Preis. Denn als Hochsensible ticke ich so anders, dass ich eh immer schon ein Aussenseiter gewesen bin – fast überall.

 

Einsam in der Wüste

Es gab eine Zeit in meinem Leben – so  im Alter zwischen 10 und 13 – in der ich dazu gehören wollte.

Obwohl sowohl mir als allen Gleichaltrigen klar war, dass ich irgendwie ganz anders war. Damals wollte ich alle „Man muss“ Regeln mitmachen. Das war die einzige Zeit in meinem Leben, in der ich zu Hause erklärte:

„Aber ich muss! ….. auch ne Lewis – Jeans haben, Mary QuantKleider tragen, Raumschiff Orion gucken, den Pony wachsen lassen, mit allen andern auf diese Fete gehen….“

Meine Mutter konterte damals gern mit dem Spruch: „Wenn du musst, geh auf’s Klo. Müssen tut man auf dem Klo.“

Spätestens da lernte ich, aus der Not eine Tugend zu machen:  Ich bin anders!

Ihr könnt gern machen, was ihr wollt, ich mach mein eigenes Ding!

Seitdem breche ich Regeln ganz bewusst, wenn ich niemandem damit schade.

Mit dem Älterwerden wuchs mein Selbstbewusstsein; und es kümmerte mich immer weniger, was Andere wohl über mich denken mögen.

Heute habe ich denkbar viel Freiheit! Denn ich muss wirklich sehr wenig. Die Steuererklärung muss ich machen; genügend schlafen.

Ansonsten muss ich…..

…. einen Scheiss!

 

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6 Gedanken zu „Nein, ich muss nicht!

  1. Liebe Jutta,
    ein ganz, ganz dickes Dankeschön für diesen großartigen Beitrag zur Blogparade! Eigentlich brauche (hier stand mal ein Muss, das ich aber verjagt habe) ich meinen eigenen Beitrag jetzt gar nicht mehr schreiben, denn du sagst echt alles, was ich auch hätte sagen wollen und gehst sogar auf die Einwände ein, die mein Teufelchen auf der Schulter mir vor die Füße wirft.

    Liebe Grüße
    Elke

  2. Liebe Jutta,
    Du schreibst mir aus der Seele. Gestern hatte ich einen langen Praxistag, denn donnerstags geht der letzte Patient nach 20 Uhr. Nachdem ich Deinen Artikel gelesen habe ist mir bewusst geworden wie häufig mir meine Patienten ein Sie müssen oder man muss entgegenschleudern und das genau das der Grund dafür ist, dass ich am nächsten Tag wie überfahren bin. Ich hasse es! Es ist sehr interessant, dass ich keine Chance habe mir da Gehör zu verschaffen, denn die in Stein gemeißelten Ansichten durchdringen Argumente selten. Zwei Beispiele von gestern: Wieso trinken Sie keinen Alkohol, man muss sich doch mal etwas gönnen. Warum fahren Sie nicht in Urlaub, man muss doch mal was von der Welt sehen. Einen Scheiß muss ich!
    Alles Liebe
    Annette

    1. Liebe Annette,
      Danke für den Kommentar! -Die erwähnten Beispiele betreffen ja das Privatleben; in dem Bereich hat ja „man muss“ wirklich nichts verloren. – Aber vielleicht ist das nur unüberlegter, aber eben typischer Sprachgebrauch? Könnte man in solchen Fällen müssen durch dürfen ersetzen? Gerade als Heilpraktiker darf man doch auch den Patienten erwidern: Man darf sich auch mal was gönnen. – Oder – kommt mir grade so in den Sinn bez. Alkohol trinken: Kann es sein, dass ein Patient denkt: Angriff ist die beste Verteidigung? Um jedem Mediziner, der vielleicht streng nach dem Alkoholkonsum fragt, den Wind aus den Segeln zu nehmen? – Ach je, da könnte ich jetzt einen zweiten, langen Beitrag zu schreiben; über die diversen „Man muss – Dogmen in den verschiedenen Therapierichtungen; Pädagogikrichtungen, etc.pp. Puh.

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