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Covid19 und die Folgen für die Kultur (Teil 1)

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Was macht Corona mit uns?
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Jutta AdministratorKeymaster
Mein Name ist Jutta Jorzik-Oels, als Berater und Coach bin ich spezialisiert auf Hochsensibilität. Ich helfe hochsensiblen Menschen in Krisensituationen.

Teil 1: Soziale Distanz

Mehr als ein Jahr ist es her, dass die WHO den Ausbruch von Covid19 zur Pandemie erklärte. ( Covid-19 Pandemie ) Spätestens seitdem ist nichts mehr, wie es war.

Heute, ein Jahr später, ist klar, dass es nie wieder so sein wird wie davor. Wir, unsere Kinder und unsere Enkel  werden von der Zeit vor dem Ausbruch von Corona und der Zeit danach reden.

Diese Pandemie ist aus heutiger Sicht ein ebenso grosser Einschnitt in die Gesellschaft wie der 2. Weltkrieg.

Im letzten Frühling hofften Viele, dass der Spuk schnell vorbei sein würde. Andere stellten die Frage, ob es sich überhaupt um eine echte Pandemie handelt und hielten die angeordneten Massnahmen für sehr übertrieben. Wieder andere wetterten gegen echte oder angebliche Verschwörungstheorien; die Vierten  hatten solche Angst vor dieser neuen Krankheit, dass sie sich freiwillig zu Hause einschlossen.

Schon lange ist klar: Wie jemand darüber denkt und was er glaubt, ist völlig unerheblich für die persönlichen und die gesellschaftlichen Folgen.

Sehr viel Leiden, das durch Lockdown und Ausgangssperren verursacht wurde und wird, wurde bewusst als kleineres Übel in Kauf genommen: Die Einsamkeit der Alten und Pflegebedürftigen. Der einsame Tod der Sterbenden, die gehen mussten, ohne noch einmal die Hand eines Angehörigen zu fühlen. Die Zunahme der häuslichen Gewalt, der Kinder und Ehepartner viel stärker und häufiger als zuvor ausgesetzt sind.  Zunahme von Alkohol- und Drogenmissbrauch. Der finanzielle Ruin vieler Kleinunternehmer.

Aber was hat das mit Hochsensibilität zu tun?

Hochsensible haben einige Eigenschaften, die jede Gesellschaft, jede Kultur sehr bereichern. Das ist z.B. das intensive Miterleben der Gefühle und Stimmungen anderer Menschen und das Empfinden der Verbundenheit zu allen Menschen.

Corona trennt und isoliert die Menschen voneinander. Physisch sowieso, aber auch ganz stark emotional. Die spaltende Wirkung bemerkt jeder sofort, der in eine Diskussion über die notwendigen Massnahmen gerät.

Schränkt die Pandemie die o.g. Wahrnehmung von Hochsensiblen ein? Und damit die sozialen Wirkungen von Hochsensibilität auf die Gesellschaft?

Oder fördert die physische Isolation möglicherweise sogar die Entwicklung telepathischer Kommunikation?

Welche Auswirkungen hat die Pandemie mit allen Facetten auf die Entwicklung hochsensibler Kinder und Jugendlicher?

 

Kinder sind Kulturträger der Zukunft

Das Leid der Kinder und Jugendlichen dagegen ist zwar bekannt,  die Folgen jedoch auf mittlere und vor allem lange Sicht sind überhaupt nicht einzuschätzen. Eins jedoch scheint jetzt schon klar:

Durch die SARS-CoV-2 Pandemie wächst eine neue traumatisierte Generation heran.

Im letzten Frühling und Sommer wurden in vielen Ländern Europas die Schulen und Tagesstätten geschlossen, Kinderspielplätze abgesperrt und Kinder drei lange Monate (mancherorts sogar 4 oder 5!) von der Aussenwelt isoliert. Drei Monate sind für ein Kind eine unfassbar lange Zeit!

Wie viele soziale Kontakte braucht ein Kind? Wie viele davon zu Gleichaltrigen? Wie viele zu nahestehenden Personen?

Wie wichtig sind Körperkontakte für ein Kind, die über Zärtlichkeiten mit der engsten Bezugsperson hinausgehen; wie z.B. flüchtige Berührungen beim Spielen und anderen Begegnungen?

Welche Rolle spielen alle nicht bewussten, da nicht-sinnliche Wahrnehmungen bei Begegnungen? Denn alle Kinder haben diese Wahrnehmungen bis zu einem bestimmten Alter. Durch digitale Medien wie Videotelefonate lassen sich diese Wahrnehmung nur zu einem sehr geringen Teil ersetzen.

Wie wirkt das alles auf die Entwicklung?

Körperkontakte und die unbewusst ausgetauschten Wahrnehmungen sind Teilbereiche der Kommunikation.

Da Kommunikation die Grundlage des Sozialverhaltens ist, lautet die eigentliche Frage: Welchen Einfluss wird diese Zeit in der Zukunft auf das Sozialverhalten unserer Kinder haben? Und auf das Bindungsverhalten?

 

Ohne Worte
Ohne Worte

Neue soziale Regeln

Im Herbst, zum Beginn des neuen Schuljahrs, öffneten die Schulen wieder. Aber die Rückkehr zum Präsenzunterricht bedeutete mitnichten  die Rückkehr zur „normalen“ Kindheit.

Fast alles, was Spass macht, ist verboten. Miteinander spielen in der Pause: Verboten. Lachen ist verboten. Singen: Verboten.

Die Erstklässler bekamen Arbeitsblätter, in denen sie „richtig“ und „falsch“ ankreuzen mussten. Singen, Pfeifen, Fröhlich sein, Spaß haben und mit Freunden treffen ist „falsch“ (mit bösem Smiley-Gesicht). Grosser Abstand zu Freunden, mit Maske alleine stehen, keine Berührung und möglichst wenig soziale Kontakte ist „richtig“ (mit happy Smiley).

Die Kinder lernen, (so ihre Interpretation), wenn ich fröhlich bin und Spaß habe, könnten Menschen sterben. Wenn ich Oma und Opa in den Arm nehme, können sie deshalb sterben.

Eine etwas ältere Schülerin berichtete ihrer Mutter nach dem ersten Schultag nach dem Lockdown: „Mama, ich hätte es mir nicht soooo schlimm vorgestellt. Wir dürfen trotz Maske nicht miteinander spielen, müssen auch auf dem Pausenhof Abstand halten und Frau xxx arbeitet nur mit uns, wenn sie vorher die Maske aufsetzt und wir auch… Es ist schrecklich.“

Am allerschlimmsten aber traf es die Babys, die mancherorts zu diesem Zeitpunkt in diese Welt geboren wurden.

 

Nestwärme

Usus in den Geburtsabteilungen heutzutage ist, dass ein neugeborener Mensch sofort der Mutter auf den Bauch gelegt wird und im besten Fall auch bald gestillt. Dieser Vorgang ist sowohl für das Kind als auch für die Mutter sehr wichtig; unter anderem für die Festigung der Bindung zwischen beiden.

Bei einer Mutter, die sich vor der Geburt entschlossen hat, ihr Kind zur Adoption freizugeben, wird das Baby sofort nach der Geburt in einen anderen Raum gebracht, ohne Kontakt zur Mutter – um das Entstehen einer Bindung zu verhindern.

Und genau das hat man vielen Neugeborenen und ihren Müttern in der schlimmsten Lockdown-Phase angetan!

Hochinteressant ist, was der Schweizer Psychoanalytiker Franz Renggli dazu in seinem Buch “Selbstzerstörung aus Verlassenheit” (1992) schreibt: Er führt das Wüten der Pest im Europa des 14. bis 17. Jahrhunderts darauf zurück, dass Mütter nachts nicht mehr mit ihren Kindern in einem Bett schlafen durften:

“…ein- oder zweihundert Jahr vor dem schwarzen Tod beginnen die Priester in den Kirchen zu predigen, dass es einer Mutter nicht länger erlaubt sei, mit ihrem Baby des nachts im gleichen Bett zu schlafen. Begründet wird dieses Verbot durch die Gefahr des Erdrückens ihres Babys. Somit haben die Kleinkinder ihre letzte Möglichkeit verloren eine längere Periode von ununterbrochenem Körperkontakt mit ihren Müttern zu erleben, nämlich während der Nacht. Die Wiege wurde damals erfunden – sie kann auf allen Bildern und Stichen der damaligen Zeit (ab dem 14./15. Jh.) gesehen werden, auf welchen eine Familie und ihre Kleinkinder dargestellt sind.

Ganze Generationen von Kindern wurden damals und werden noch heute traumatisiert indem sie der Mutter entfremdet, gleich nach der Geburt von ihr getrennt, im Alltag in Laufställe gesetzt oder Kinderbettchen, -wägen und -gärten entsorgt wurden, damit die Mutter ruhig schlafen, ihren Haushalt versorgen oder arbeiten gehen konnte.

Nur: ein Menschenkind, dessen natürliche und angeborene Erwartungen in dieser Zeit enttäuscht werden, ist unwiderruflich geschädigt und entwickelt Schutzmechanismen wie die Selbstbetäubung, das Erstarren und körperliche Sich-Versteifen, ebenso wie tiefe (Selbst)Zweifel, Misstrauen, Angst vor dem Verletztwerden, vor Zurückweisung, dem Verlassenwerden sowie einen der stärksten: Die Resignation.
Es braucht also nicht zu verwundern, dass erwachsene Menschen mit einem Liebestrauma anfälliger sind für Infektionen, vor allem wenn es explizit getriggert wird, z. B. durch Arbeitslosigkeit, Armut, Einsamkeit, Beziehungsstress, Trennung vom Partner, einen Aufenthalt im Altersheim anstatt bei der Familie, unfreundliche Behandlung dort oder andere Dinge.

Dauern Krisen allerdings zu lange oder wiederholen sich ständig, kann es zum Ausbruch von Seuchen wie die Pest kommen: “Nicht ein Bakterium oder ein Virus steht im Zentrum, sondern die Menschen einer Gesellschaft, welche durch eine Krise erschüttert worden sind. Dauert sie zu lange, ist sie zu heftig oder zu traumatisierend, wird das Immunsystem der Bevölkerung langsam schwächer und bricht schliesslich zusammen. Die Menschen werden „offen“ für eine Krankheit und schliesslich für den Tod. Dieses Modell ist gültig für jede Epidemie und kann als Schlüssel verstanden werden zu einem neuen Verständnis der Geschichte”
(Franz Renggli)

 

Jugend in der Krise

Während der Pubertät lösen Jugendliche sich mehr und mehr von den Idealen und Glaubenssätzen der Eltern und sind auf der Suche nach ihrer Identität. Dieser Prozess geht sehr oft einher mit Rebellion gegen alle Autoritätspersonen, aber auch mit ungeheurem Idealismus. Jugendliche sind Weltverbesserer!

Für Jugendliche ist es mindestens genau so wichtig wie für Kinder, Gleichaltrige zu treffen und in einer Clique die Gedanken auszutauschen.

Durch den Lockdown sind für sie alle Orte gesperrt, an denen sie sich normalerweise treffen; und fast überall sind die erlaubten Kontakte auf ganz wenige Personen beschränkt. Treffen sie sich dennoch, werden sie kriminalisiert!

Erst dadurch entstehen Situationen, dass vereinzelt Jugendliche in Banden umherziehen und tatsächlich kriminelle Aktionen begehen. Während Kinder noch bei den Eltern Trost und Geborgenheit suchen, fällt das bei Jugendlichen altersbedingt aus; andere Bezugspersonen wie Lehrer und Ausbilder können gerade jetzt, wo man am meisten Zuspruch und Unterstützung bräuchte, nicht persönlich getroffen werden.

In dieser wichtigen Entwicklungsphase wird Menschen weitgehend die Möglichkeit genommen, das zu tun, was in dieses Alter gehört: Mit Gleichgesinnten zusammen zu hocken und Pläne für eine bessere Welt, eine gerechtere Gesellschaft zu machen, gemeinsam Ideen zur Umsetzung zu entwickeln.

Welche Folgen wird das haben, für diese Jugendlichen, und für die Gesellschaft?

 

Wenn Alleinsein krank macht

Bis vor Corona galt: Alleinsein ist nicht dasselbe wie Einsamkeit. Einsamkeit macht krank; aber man kann allein sein ohne einsam zu sein; viele Menschen suchen und geniessen das Alleinsein.

Eines verbindet Alleinsein und Einsamkeit: der Mangel an Körperkontakten. Wieviel Körperkontakt braucht ein Mensch? Reicht ein Händeschütteln ab und zu zur Begrüssung?  Wie oft braucht man eine Umarmung? Eine liebevolle Berührung am Arm? Massagetherapeuten wissen, dass viele ihrer alleinstehenden Kunden deshalb kommen, um durch eine Massage den notwendigen Hautkontakt zu bekommen. Andere wählen schnellen, unverbindlichen Sex zu diesem Zweck. Manchen reicht vielleicht ein Friseurbesuch.

Was auch immer alleinstehende Menschen gemacht haben, um mangelnde Körperkontakte zu kompensieren, ist im Lockdown nicht oder fast nicht möglich.

Der Wiener Psychiater Raphael Bonelli berichtete in diesen Tagen (April 2021) von einer 30-jährigen Patientin, die ihn wegen psychotischer Symptome aufsuchte: eine alleinstehende Frau, seit über einem Jahr im Homeoffice, erlebt eine Art Depersonalisation, sagt Bonelli. Sie nimmt sich selbst nicht mehr richtig wahr, hat keine gute Verbindung mehr zu ihrem Körper. ( „Wahnsinn im Homeoffice“ )

Heilpädagogen wissen, dass das Körperbewusstsein, – die Wahrnehmung des eigenen Körpers, die Grenzen des physischen Körpers zur Umgebung, durch die Betätigung des Tastsinnes -, vor allem durch das Berühren, das Tasten anderer Körper entwickelt wird.  Die Wahrnehmung dieser Grenzen – bis wohin reicht mein Unterarm, wo fängt der Tisch an – sind bei Psychosen verschoben.

Wie viele Menschen leiden wohl unter solchen Zuständen der Selbstentfremdung und Störungen des Persönlichkeitsbewusstseins?

Soviel Leid die bis hierher beschriebenen Folgeerscheinungen auch auslösen,  betreffen sie aber doch nur einzelne Menschen oder bestimmte Bevölkerungsgruppen.

Von einer Massnahme ist jedoch die gesamte Bevölkerung betroffen.

Das wird Thema im 2. Teil des Beitrags sein: Teil 2: Die maskierte Gesellschaft

 

Hinweisen möchte ich auf diesen Roman von 2009. Juli Zeh beschreibt darin eine Gesellschaft unter einer Gesundheitsdiktatur irgendwann im 21. Jahrhundert, in der Gesundheit zur höchsten Bürgerpflicht geworden ist. Was vor 10 Jahren noch Science Fiction war, ist heute Wirklichkeit.

 

2 Gedanken zu „Covid19 und die Folgen für die Kultur (Teil 1)

    1. Liebe Maria,
      Danke für Deinen Kommentar. Ich hatte während des Schreibens immer wieder solch einen Kloss im Hals, dass ich unterbrechen musste. Insgesamt habe ich acht Monate an dem Beitrag geschrieben, weil es so beklemmend war.
      Herzbewegte Grüsse, Jutta

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