Alexithymie

Lesezeit ca: 3 Minuten
  • New tab
Jutta AdministratorKeymaster
Mein Name ist Jutta Jorzik-Oels, als Berater und Coach bin ich spezialisiert auf Hochsensibilität. Ich helfe hochsensiblen Menschen in Krisensituationen.

Kennst du gefühlsblinde Menschen?
Immerhin sind verschiedenen Untersuchungen zufolge zehn bis 13 Prozent der Bevölkerung gefühlsblind! Professor Matthias Franz, Facharzt für psychosomatische Medizin, Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie, führte 2008 in Deutschland eine Studie über die entwicklungspsychologische und neurobiologische emotionale Entwicklung des Kindes durch. Demnach leiden zehn Prozent der Deutschen an ausgeprägter Alexithymie. ( Matthias Franz)

Alexithymie bedeutet Gefühlsblindheit. Was kann man sich darunter vorstellen?

Was ist Gefühlsblindheit?

Menschen, die an Alexithymie leiden, wird oft unterstellt, dass sie kalte, gefühllose Klötze wären. So ist es nicht! Der Begriff gefühlsblind ist recht zutreffend: Ein Blinder nimmt die Welt anders wahr als ein Sehender, er nimmt die Farben und Formen um ihn herum nicht wahr. Genauso nimmt ein Alexithymiker seine eigenen Gefühle und die anderer Menschen nicht wahr.

Es gibt Alexithymie in verschiedenen Ausprägungen; von leicht bis sehr stark. Ein Mensch mit einer leichten Alexithymie empfindet undifferenzierte Gefühle, ohne sich erklären zu können, wodurch sie ausgelöst wurden. Er hat Probleme, zwischen verschiedenen Gefühlen zu unterscheiden, kann z.B. nicht differenzieren zwischen Trauer, Einsamkeit, Sorge oder schlechter Laune.

Manche Alexithymiker haben bei Erlebnissen, die bei neurotypischen Menschen starke Emotionen auslösen, unbestimmte physische Symptome wie Bauchschmerzen; beziehungsweise nehmen sie ausschliesslich die mit bestimmten Gefühlen verbundenen körperlichen Reaktionen wahr, wie Herzklopfen bei Angst oder das typische Flattern im Solarplexus bei Verliebtheit.  Verliebt zu sein spüren Menschen mit starker Alexithymie dagegen nicht. Sie finden sehr pragmatische und rationale Erklärungen dafür, warum sie sich zu einem Menschen hingezogen fühlen.

Jemand mit einer eher schwachen Form von Alexithymie nimmt zwar seine Gefühle wahr und kann sie auch benennen; aber er kann sie nicht zeigen; er weiss nicht, wie er seine Gefühle ausdrücken soll – ganz gleich, ob es sich um  Freude, Trauer oder Angst handelt. *1)

Dass Gefühlsblindheit eine erhebliche Herausforderung für jede Art von Beziehung ist, versteht sich von selbst.

Alexithymie ist eine angeborene neurologische Störung; es gibt eine erbliche Disposition.  Heilbar ist die Alexithymie nicht, aber es gibt Therapien (oder besser gesagt eine Art von Training), die den Betroffenen helfen, Empfindungen bei sich selbst und bei anderen zu erkennen, zu benennen und auszudrücken.

Alexithymie und Autismus

Meist wird Alexithymie gleichgesetzt mit Autismus. Autisten haben den Ruf, weniger tief zu empfinden als neurotypische Menschen und also auch weniger empathisch zu sein.  Das gilt allerdings längst nicht für alle Autisten.

Typisch für Alexithymiker ist die starre Mimik sowie eine sehr eintönige Sprache ohne Höhen und Tiefen. Beides gilt auch als Kennzeichen bei Autisten. Aber gehören diese Merkmale wirklich zu Autismus?

Denn Alexithymie ist eine eigene Behinderung bzw. Störung, die allerdings sehr häufig als komorbide Störung bei Autismus auftritt.  (komorbid = von einer weiteren Krankheit begleitet)

Dass sehr viele, evtl die meisten Autisten gleichzeitig Alexithymiker sind, bedeutet auch: Nicht alle Autisten sind alexithym!  Und längst nicht alle Alexithymiker sind autistisch! (Es gibt leider keine Schätzungen über den Anteil der nicht-alexithymen Autisten.)

Kennst du empathische Autisten? Davon gibt es nicht wenige!

Das ist der Grund, warum ich diesen Beitrag schreibe.
Immer wieder wenden sich Menschen an mich, die nicht wissen, ob sie hochsensibel oder Asperger sind.
Sie haben -zig Tests gemacht, waren bei etlichen Therapeuten und Psychiatern in der Hoffnung auf Klarheit. Viele erhalten dann letztendlich eine Verdachtsdiagnose; was nichts anderes heisst, als „Vielleicht – vielleicht auch nicht“.  Einige dieser Menschen kommen nach jahrelangem Ringen irgendwann zu der Erkenntnis, dass sie doch Asperger sind. Keiner dieser Menschen leidet an Alexithymie.

Vermutlich macht es die Asperger Diagnose schwieriger, wenn keine Alexithymie vorliegt.

 

starre Mimik

Eine Asperger – Diagnose ist nicht einfach zu stellen und geht schon gar nicht schnell; nicht einmal in Kliniken, die auf Autismus spezialisiert sind! Oft kommen verschiedene Fachleute zu verschiedenen Ergebnissen. Häufig kann eine Verdachtsdiagnose erst bei einem stationären Aufenthalt bestätigt werden.

Die Diagnose wird unter anderem dadurch erschwert, dass Asperger sich bei Jungen und Männern anders äussert als bei Frauen und Mädchen. Und als ob das nicht reicht: Es gibt Frauen mit „männlichem“ und Männer mit „weiblichem“ Asperger.

Hochsensibilität, Asperger, Alexithymie

Asperger ist ein sehr breites Spektrum; es gibt nicht „den“ Asperger; genauso wenig, wie es „den“ Hochsensiblen gibt. Hochsensibilität und Asperger – Syndrom haben einen gemeinsamen Grenzbereich; es gibt viele Überschneidungen.

Dazu kommen  die vielen Menschen, die durch ihre Eltern die Anlagen sowohl von Hochsensibilität als auch vom Asperger-Syndrom tragen. Mit ziemlicher Sicherheit kann man davon ausgehen, dass diese Menschen eine ganz eigene neurodiverse Variante darstellen.
Vor allem in der Kindheit halten sich bei ihnen häufig sowohl die Hochsensibilität als auch das Asperger-Syndrom die Waage; beides ist gleich stark. Nach meiner Erfahrung neigt sich die Waage nach der Pubertät dann meist in eine bestimmte Richtung; so dass entweder die Hochsensibilität oder das Asperger stärker wirkt.

Lies dazu auch: hochsensibel oder doch Asperger

Asperger-Syndrom und Alexithymie haben ebenfalls einen gemeinsamen Grenzbereich, welcher der Grenze zur Hochsensibilität diametral gegenüberliegt.

Hochsensibilität und Alexithymie  schliessen sich nicht nur gegenseitig aus; sondern Alexithymie stellt ein Gegenbild zur Hochsensibilität dar.

Aber es wird noch komplizierter! Denn auch bei Alexithymie gibt es anscheinend ein breites Spektrum. Und sie tritt oft zusammen mit einer weiteren, eigenständigen neurologischen Besonderheit auf:

Aphantasie

Aphantasie*2)  bedeutet, kein Vorstellungsvermögen zu haben. Mit anderen Worten, man hat keine inneren Bilder.

Aphantasie gilt im Gegensatz zu Alexithymie nicht als Krankheit oder Störung, sondern als Phänomen. Das Fehlen der visuellen Vorstellungskraft tritt oft, aber nicht immer in Zusammenhang mit Alexithymie auf und ist ebenfalls häufig beim Asperger-Syndrom.

Aphantasiker sehen ihre Veranlagung teilweise durchaus positiv:

„Ich habe schon das Gefühl: Dadurch, dass ich keine Bilder im Kopf habe, lebe ich irgendwie mehr im Moment und hänge nicht in der Vergangenheit oder der Zukunft. Ich bin irgendwie sehr präsent und das finde ich auch beruhigend und erdend, weil ich das Gefühl habe, ich kann den Moment oft einfach sehr genießen.“ *3)

Aphantasie ist wie Alexithymie vermutlich eine eigene neurodiverse Variante.

Aphantasie und Hochsensibilität schliessen sich ebenso gegenseitig aus wie Alexithymie und Hochsensibilität. (Wie ein Leben als Aphantasiker aussieht, dafür fehlt mir als hochsensiblem Bilderdenker die Vorstellungskraft.)

Hier sind weiterführende Links:

– zu Alexithymie:

*1) So fühlt sich Gefühlsblindheit an

Darum können manche Menschen mit ihren Gefühlen nichts anfangen

Hier kann man einen Test machen, wie stark die Neigung zu Alexithymie ist: Alexithymie-Test
Hier ist ein Forum zum Austausch: Alexithymie-Forum
zu Aphantasie:
Dieser Beitrag entstand auf vielfachen Wunsch von Lesern und Klienten. Wenn du mir deine Erfahrungen mitteilen magst, würde ich mich sehr freuen. (Weiter runterscrollen bis zum Kommentarfeld)
In meinem neuen Buch findest du sehr viel darüber, was Hochsensibilität ist und auch einiges zur Abgrenzung und zum Unterschied zu anderen Phänomenen:

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.