Hochsensibilität – was genau ist das eigentlich?

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Immer wieder und wieder und immer noch wird Hochsensibilität festgemacht an einer Reihe von Symptomen. Und das ist schlichtweg falsch.

 

Denn die für HS so typischen Symptome sind einerseits sehr unterschiedlich.

Und andererseits stehen sie nicht zwangsläufig in Zusammenhang mit HS.

 

Es ist zwar richtig, dass bei HSM der Thalamus weniger Reize filtert als bei Normalsensiblen und deshalb in aller Regel mehr Wahrnehmungen entstehen.

 

Aber, erstens: Diese fehlende oder eingeschränkte Filterfunktion hängt nicht  kausal mit der HS zusammen.  Denn diese findet man auch bei einer ganzen Reihe Syndrome (also Symptomkomplexe).

 

Sicher, es besteht eine intensive Wechselwirkung zwischen Reizen und neuronalen Verbindungen. Nehmen wir ein Beispiel aus der Schmerzforschung: Wenn man über einen längeren Zeitraum, mehr als einige Wochen, immer Schmerzen an derselben Stelle hat, besteht das hohe Risiko, dass der Schmerz sich verselbständigt. Das heisst, auch wenn die Ursache längst behoben ist, schmerzt es genau wie vorher; der Nerv hat den Schmerz erlernt  Man spricht dann von chronischem Schmerz.  Das war jahrelang sehr gefürchtet, weil die Mediziner der Ansicht waren, dieser Schmerz bleibt ohne Betäubung dann bis zum Lebensende. Weil man festgestellt hatte, dass ab dem Moment, in dem der Schmerz chronisch wurde, sich im Gehirn neue neuronale Verbindungen gebildet hatten.  Inzwischen weiss man aber, dass der Nerv den Schmerz auch wieder verlernen kann. Und siehe da: Die neuronalen Verbindungen bilden sich ebenfalls zurück!

 

Es ist also die alte Frage, was war zuerst da:  Huhn oder  Ei. Trotz solcher Erkenntnisse geht die Wissenschaft immer noch davon aus, das Gehirn bestimmt, was wahrgenommen wird.

 

Ich vertrete die Ansicht:

 

Das Gehirn ist ein Spiegel unserer Wahrnehmungen.

 

Wenn ich in den Spiegel schaue und sehe ein graues, müdes faltiges Gesicht, nicht gerade attraktiv – ist der Spiegel die Ursache dafür, dass ich nicht so  schön bin, wie ich gern wäre? – Oder – ist der Spiegel die Ursache, wenn ich vielleicht  nur glaube, müde und alt auszusehen; andere aber sehen mich ganz anders?

 

Davon mal ganz abgesehen,  geht niemand zum Hirnscan, um  festzustellen, wie sein Thalamus funktioniert, damit er dann weiss, ob  er HS ist.

 

 

 

HSM verarbeiten ihre Wahrnehmungen anders. Sie denken anders. Sie sind neuronal anders vernetzt. Anders als Nicht – Hochsensible. Und zwar vollkommen unabhängig von en typischen Eigenschaften, die häufig im Zusammenhang mit HS auftreten.

 

Nur diese Besonderheit macht tatsächlich HS aus!

 

Von jeder Wahrnehmung, jedem Gedanken aus werden Querverbindungen geschaffen zu anderen Gedanken und Wahrnehmungen, es wird sofort ein Netz gewoben. Wobei es schwierig sein kann, den ursprünglichen Gedanken im Fokus zu behalten.

 

Diese Art zu denken wirkt auch auf die Kommunikation. Es kann passieren, dass ein Nicht- HSM Probleme hat, der Unterhaltung zwischen zwei HSM zu folgen, die in seinen Augen wirre Gedankensprünge vollziehen, die für HSM völlig natürlich sind.

 

Das vertrackte daran ist nur:  Niemand kann von einem andern mit Gewissheit sagen, er sei hochsensibel. Das kann letztendlich nur der Hochsensible selber.

 

(Siehe auch CHECKLISTE: Bin ich hochsensibel?)

 

Jetzt kann man natürlich einwerfen: was spielt das für eine Rolle, ob ich hochsensibel bin oder sonst was, beispielsweise hochempfindlich (siehe Blogartikel „Hochsensibel oder hochempfindich?), – wenn doch die Symptome so gleich sind?

 

Wenn es um Fragen der inneren Balance geht, dann spielt es tatsächlich kaum eine Rolle.

 

Was die Kommunikation betrifft, macht es sehr wohl einen Unterschied. Denn  die andere Art zu denken kann Ursache zu erheblichen Missverständnissen sein: Während der Normalsensible im gespräch dem Gedanken folgt, sieht der HSM mindestens acht oder elf andere Gedanken, die damit zusammnenhängen,  äussert dazu etwas, der NSM versteht nicht, der HSM versteht nicht, wieso der NSM nicht versteht, wenn es doch so vollkommen klar auf der Hand liegt.

 

Vermutlich war das  – also dieses Gedankennetze bilden und das oft-nicht folgen-können von Nicht-HSM die Ursache für die Entstehung eines anderen Mythos im Zusammenhang mit HS:

 

Alle Hochsensiblen sind hochbegabt! Stimmt das?

 

 

Als hochbegabt gilt, wer bei einem IQ-Test einen Wert von mindestens 130 erreicht. Ein IQ von 100 wurde dabei als Durchschnitt festgelegt. 115 sollte man haben, um das Abitur ohne Probleme zu schaffen. Ab 150 gilt man als Genie. Bei einem IQ von unter 85 spricht man von  Lernbehinderung. Alles zwischen 85 und 100 gilt als normal.  Bei einem IQ von unter 70 spricht man von geistiger Behinderung.

Da verschiedene Tests angewandt werden, fallen die Ergebnisse aber nicht ganz genau gleich aus. Vor allem bei in den USA gebräuchlichen IQ-Tests erreichen Teilnehmer deutlich höhere Ergebnisse als in Deutschland.

 

Nach den hier gängigen Verfahren sind ca 2 – 2,2 % der Bevölkerung hochbegabt.

 

Nun muss ich keineswegs hochbegabt sein, um sofort festzustellen, dass 2% weniger als den siebten Teil des geschätzten 15-20% Anteils der Hochsensiblen ausmacht.

 

 

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Selbst wenn man wie ich davon ausgeht, dass diese Zahl wegen der Verwechslung mit anderen Syndromen, wie Hochempfindlichkeit viel zu hoch gegriffen ist, ist der Anteil von Menschen mit echter, also angeborener HS vermutlich doch nun wesentlich höher als 2 %.

 

Leider jedoch hält sich auch dieses Vorurteil – Hochsensibilität gleich Hochbegabung – sehr hartnäckig. Auch wird von Kollegen, deren Arbeit ich ansonsten durchaus schätze, nicht nur verbreitet, Alle HSM  seien hochbegabt; sondern sogar im Umkehrschluss behauptet: Alle Hochbegabten seien auch hochsensibel.

Sicherlich gibt es eine ganze Reihe Parallelen: Ein Hochbegabter denkt schneller und weiter im Voraus als ein durchschnittlich Begabter und erfasst schneller Zusammenhänge. Ausserdem nimmt er mehr wahr. Dennoch ist die Art und Weise der Verarbeitung und des Denkens nicht dieselbe wie bei einem HSM.

Und: Unter Menschen mit Aspergersyndrom gibt es sehr viele hochbegabte. Das ist auch wieder ein heisses Eisen; viele Eltern halten ihre Aspergerkinder für HS. -Das ist so ein breites Thema, dass ich hier nur soviel sage: HS und Asperger schliessen sich gegenseitig aus. Obwohl es grosse gemeinsame Schnittstellen gibt, so mancher HSM schon als Aspi diagnostiziert wurde: in der ART ZU DENKEN und DER VERARBEITUNG VON WAHRNEHMUNGEN  unterscheiden  sich Asperger und HSM signifikant!

Auch sehr viele Psychopathen sind hochbegabt. Die meisten zeigen berits in früher Kindheit gewisse Eigenschaften und Verhaltensweisen, die auf Psychopathie hinweisen; auch diese sind dem Wesen nach dem Bild der HS entgegengesetzt.

 

Auch die umgekehrte Behauptung – jeder HSM ist auch HB ist in keiner Weise haltbar. Denn interessanterweise findet man gerade im Lern- und Geistigbehinderten Bereich viele Hochsensible. Ich vermute sogar – das wäre doch mal eine empirische Untersuchung wert – dass es unter den Menschen mit Down Syndrom wesentlich mehr HSM gibt als unter Normalbegabten.  Interessant vielleicht in dem Zusammenhang: In der anthroposophischen Heilpädagogik wird das Down Syndrom seit jeher als Gegenbild zum Autismus angesehen.  –

 

Wegen des auffallenden Missverhältnisses von 2% HBM und angenommenen 15% HSM sprechen nun einige Anhänger der Theorie „HS = HB“ lieber von  VIELBEGABUNG als von HB. Dazu wird dann die grosse Anzahl persönlicher Interessen und Begabungen gerechnet, zB. auch auf sportlichem und künstlerischen Gebiet. Diese Beobachtung ist vermutlich zutreffend, ist allerdings völlig unabhängig vom IQ. Eine derartige Vielbegabung lässt sich  unter Berücksichtigung der verminderten Intelligenz auch eben bei vielen  Behinderten finden.

 

 

 

Jedenfalls ist es deutlich leichter, zu definieren, was Hochsensibilität nicht ist, als was  sie ist.

 

Hochsensibilität ist Hochsensibilität

 

Punkt. Nichts weiter.

 

Nichts da  „HS steht im Zusammenhang mit xxx; geht einher mit  xyz.

Selbst wenn es so ist, hat das nichts mit HS zu tun. Mit dem gleichen Recht kann ich behaupten:

Viele Musiker haben blaue Augen, es muss einen Zusammenhang geben zwischen blauen Augen und Musikalität; beides ist bewiesenermassen erblich.

 

 

Hochsensibilität ist ein ganz eigenes Phänomen, entstanden aus einer Laune der Natur. Eine genetische Variante.

 

Hochsensibilität ist eine Begabung.

 

Und als solche sollte sie betrachtet werden.

 

siehe auch: Hochsensibilität, Hochempfindlichkeit

Über den Wahrnehmungsprozess von Hochsensiblen

2 Gedanken zu „Hochsensibilität – was genau ist das eigentlich?

  1. Das vernetzte Denken ist doch ein typisches Merkmal der Hochbegabung. Was ist denn dann der Unterschied zwischen Hochsensiblen und Hochbegabten hinsichtlich des Denkens?

    1. Zunächst mal entschuldige, dass ich erst 4 Wochen später antworte; hatte deine Frage leider übersehen.
      Nein, vernetztes Denken ist kein Merkmal für Hochbegabung.
      Man spricht von HB bei einem IQ von wenigstens 130. Mit den IQ-Tests wird aber die kognitive Denkfähigkeit gemessen und logisches Denken; auch das Kurzzeitgedächtnis und die Denkgeschwindigkeit. – Kognitives Denken ist linear, es führt geradeaus, ohne Umwege, ohne Abzweigungen von A nach B. Analoges Denken geht von Punkt A aus sehr schnell aufeinanderfolgend nach B, C, D, E F und verbindet alle diese Punkte miteinander. Kognitives Denken ist eine Linie, auf der man sich bewegt. Vernetztes Denken dehnt sich vom Punkt zum Kreis. Sicher gibt es Hochbegabte, die auch HS sind und eben analog denken. Aber es handelt sich grundsätzlich dabei um verschiedene Phänomene. Wobei die IQ Tests ja genau aus diesem Grund sehr umstritten sind; seit langem wird von vielen Fachleuten gefragt, ob es überhaupt sinnvoll ist, Intelligenz/Begabung lediglich an diesen in IQ Tests abgerufenen Fähigkeiten festzumachen.

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