Wie ein Trauma das Leben beeinflusst

Trauma, Angst
Lesezeit ca: 5 Minuten
  • New tab
Jutta AdministratorKeymaster
Mein Name ist Jutta Jorzik-Oels, als Berater und Coach bin ich spezialisiert auf Hochsensibilität. Ich helfe hochsensiblen Menschen in Krisensituationen.

Was genau ist überhaupt ein Trauma? Ein Trauma ist eine Verwundung.

Ein Trauma ist eine offene Wunde; genau so empfindlich für jede äussere Einwirkung. Berührt man sie aus Versehen, blutet sie wieder und schmerzt ganz fürchterlich.

Ein Trauma wird ausgelöst durch ein sehr erschütterndes Ereignis oder eine ganze Serie sehr erschütternder Geschehen. Aber nicht jedes erschütternde Ereignis löst ein Trauma aus! Ob ein Ereignis traumatisiert oder nicht, ist sehr individuell.

Es gibt verschiedene Trauma Formen:

Schocktrauma oder Typ I Trauma: ein einmaliges, schnell vorübergehendes Ereignis, etwa ein schwerer Unfall
Entwicklungstrauma oder Typ II Trauma: länger anhaltende Katastrophe

Zu den Typ II Traumata gehören Bindungstraumata, die in der Kindheit geschehen innerhalb der Familie, in der das Kind lebt; sowie Komplextraumata. Unter einem Komplextrauma versteht man traumatische Erfahrungen, die immer wieder wiederholt werden; wie zum Beispiel fortgesetzter Missbrauch oder Misshandlung im Kindesalter.

Woran erkennt man ein Trauma? An den Symptomen, die sich u.a. auf soziale Beziehungen auswirken.  Je früher im Leben die Traumatisierung stattfand, desto stärker sind die Auswirkungen im späteren Leben.

Wie äussert sich ein Trauma?

Die Symptome sind sehr unspezifisch; sie reichen von Schlafstörungen, Magen – und Verdauungsproblemen über Tics bis zu Panikanfällen.  Es gibt aber – zumindest bei Erwachsenen – erhebliche geschlechtsspezifische Unterschiede.
Ist das Trauma erst kürzlich ausgelöst worden, werden Sequenzen des Geschehens immer wieder und wieder erlebt. Der Umgang damit ist individuell: Einer zieht sich völlig zurück; andere (eher Männer) reagieren sehr schnell sehr aggressiv auf ihre Umwelt.

Das Traumagedächtnis

Ganz typisch ist, dass Betroffene sich nicht an den Hergang des Geschehens, das das Trauma ausgelöst hat, erinnern können. Meist erinnert man sich nur an einzelne, zusammenhanglose kurze Momente. Je traumatischer das Erleben ist, desto mehr verhindern bestimmte Vorgänge im Gehirn das bewusste Erleben. Das Geschehen wird in anderen Hirnregionen gespeichert als bewusste Erlebnisse.

Die Folge davon ist, dass das Trauma später immer wieder durch bestimmte mit dem Geschehen zusammenhängende Sinneseindrücke wie Geräusche, Gerüche, der Anblick bestimmter Gegenstände ganz plötzlich wieder im Bewusstsein auftaucht.
Die Reaktion auf dieses plötzliche Auftauchen übernimmt dann häufig das sogenannte Reptiliengehirn. Das Stammhirn oder Reptiliengehirn übernimmt immer dann die Führung, wenn es ums Überleben geht. Deswegen können traumatisierte Menschen auf harmlose, alltägliche Ereignisse wie das Zuknallen einer Tür mit Flucht, Panikanfällen oder Aggressionen reagieren.

Ebenso typisch wie die fehlende Erinnerung ist die fehlerhafte Erinnerung.
Jemand erinnert sich genau an ein furchtbares Geschehen, kann den gesamten Ablauf logisch wiedergeben. Aber andere Anwesende haben dieses Ereignis ganz anders erlebt. Ob die Erinnerung des Traumatisierten täuscht oder nicht, ist zunächst völlig unerheblich!

Ein Trauma, eine posttraumatische Belastungsstörung – PTBS – wird anhand der Symptome diagnostiziert, nicht etwa aufgrund der geschilderten Erlebnisse.

Komplextraumata

Besonders verheerend ist die Wirkung von Komplextraumata.

Zwar weiss man inzwischen recht viel über die Wirkung transgenerationaler Traumata, wie z.B. die Kriegskindproblematik.  Aber welche Folgen hat es, wenn zu einem Bindungstrauma, beispielsweise durch eine gewalttätige Mutter, generationsübergreifende Traumata hinzukommen? Die unverarbeiteten Traumatisierungen beider Eltern durch Gewalterlebnisse? Man kann davon ausgehen, dass bei gewalttätigen Elternteilen unverarbeitete Traumata durch erlebte Gewalt der Hintergrund der Gewalttätigkeit sind.
Wenn die elterliche Traumatisierung durch häusliche Gewalt geschah, setzt sich die sich ständig fortsetzende und wiederholende Traumatisierung durch die Generationen fort. Bis zur mindestens dritten oder vierten Generation wirkt sie potenzierend.

Welche Folgen hat ein solches Komplextrauma auf das spätere Leben?

Allein
absolute Einsamkeit

Folgen von komplexer Traumatisierung

Ein Mensch mit einem schweren Entwicklungstrauma wird unweigerlich eine PTBS (posttraumatische Belastungsstörung) oder eine KPTBS (komplexe posttraumatische Belastungsstörung) entwickeln.

siehe auch: Wie wirken Traumata auf Hochsensible?

Die Symptome einer PTBS führen u.a. zur Hypervigilanz und können leicht mit Hochsensibilität verwechselt werden.

Hypervigilanz , siehe auch Hochsensibel oder hochempfindlich?

Viele hochsensible Menschen, die unter den Folgen eines Komplextraumas leiden, erhalten fälschlicherweise eine Borderline (BPS – Borderline Persönlichkeits-Störung) Diagnose. Die Unterscheidung fällt auch erfahrenen Trauma-Therapeuten sehr schwer.

Die Symptome einer PTBS machen sich im gesamten sozialen Leben bemerkbar. Je schwerer die PTBS, desto „schwieriger“ ist der Betroffene für sein Umfeld; das kann bei schwerst-mehrfach Komplextraumatisierten bis zur  Unverträglichkeit gehen.

Eine PTBS ist eine Störung, unter der das ganze System leidet, in dem der Betroffene lebt. Die vielleicht schlimmste Folge für den Betroffenen selbst ist vielleicht die absolute Einsamkeit: Niemand ist so einsam wie ein Mensch in einem Trauma.

Opfer von Gewalt

Die mit grossem Abstand meisten Entwicklungs- und Bindungstraumata entstehen durch das Erleben von Gewalt in irgend einer Form.  Davon wiederum entfällt ein sehr grosser, vielleicht der grösste  Anteil auf Menschen, die in ihrer Kindheit oder Jugend Opfer von häuslicher Gewalt wurden.

Je jünger ein durch Gewalt traumatisiertes Kind ist, und je länger die Gewalteinwirkung dauert, desto sicherer reagiert das Kind mit Dissoziation. Dabei fallen Wahrnehmungen, Gefühle und Denken auseinander und werden teilweise vom Bewusstsein abgespalten. Dissoziieren hilft, das Geschehen zu ertragen, weil beispielsweise das Schmerzempfinden komplett ausgeschaltet wird. Die schwerste Form einer dissoziativen Störung ist die Entwicklung einer multiplen Persönlichkeit.

Dissoziation ist immer ein Symptom für eine schwere Traumatisierung. Denn ein Mensch, der in der Kindheit Gewaltopfer wurde, dissoziiert auch als Erwachsener in vielen Situationen. Das ist einer der Gründe für die Gewaltspiralen, die sich in vielen Familien über Generationen weiter drehen.

Vom Gewaltopfer zum Gewalttäter

Leider ist es typisch, dass erwachsene Opfer einen blinden Fleck haben  für die Gefährdung und Misshandlung der eigenen Kinder.

Es ist ein bekanntes Phänomen, dass ein Elternteil sehr wohl Bescheid weiss oder sogar zuschaut, wenn das Kind vom Partner misshandelt wird. Diese Eltern sind meist selbst traumatisiert und dissoziieren bei der Misshandlung des eigenen Kindes; die Tat dringt nicht wirklich in ihr Bewusstsein. Wie bei der eigenen früheren traumatischen Erfahrung wird auch dieses Geschehen oft nicht im dafür zuständigen episodischen Gedächtnis gespeichert, sondern im Traumagedächtnis.

Was macht solch eine Erfahrung mit einem Kind? Einige Erwachsene mit solchen Erlebnissen berichteten mir, dass die traumatische Wunde durch das nicht Einschreiten des Elternteils, der der Misshandlung untätig zusah, viel tiefer ist als das Trauma durch die Misshandlung selbst.

Doch auch misshandelnde Elternteile sind fast immer selbst Opfer von Gewalt. Sehr viele dieser Eltern wollen eigentlich alles anders und besser machen, tun aber ihren Kindern genau das an, was man ihnen antat. Auch diese misshandelnden Elternteile dissoziieren, während sie Gewalt anwenden und erinnern sich später nur bruchstückhaft.

Zur Gewaltanwendung kommt es offensichtlich dann, wenn das unverarbeitete Trauma reaktiviert wird. Viele gewalttätige Männer geben an, sie konnten das Schreien des Babys nicht ertragen – sie selbst wurden als Babys misshandelt, weil sie schrieen.

Gewaltanwendung betäubt oder verdeckt die Angst, die mit dem Erleben des reaktivierten Traumas entsteht.

Frauen, die als Kind Opfer von Gewalt waren, neigen dazu, wegzusehen, sich in sich zurückzuziehen, um nicht an ihr Trauma erinnert zu werden. Männer neigen dazu, Gewalt anzuwenden, um der Erinnerung auszuweichen.

verlassene Rose
Was macht ein Trauma mit uns

Die Wirkung von Traumata auf die Beziehung

Wenn einer der beiden Partner an einer PTBS leidet, haben beide es nicht leicht in der Beziehung.
Menschen mit einer PTBS ertragen Konflikte nur sehr schwer. Komplextraumatisierte Menschen schaffen es meist nicht, sich aus Beziehungen zu lösen; trotz vieler Versuche gehen sie immer wieder zurück in die toxische Beziehung.

Normalerweise werden in Beziehungen die Muster der Kindheitsfamilie wiederholt – man kennt ja keine anderen. Manche Menschen, die als Kind Opfer von Gewalt wurden, trennen sich auch deshalb nicht von einem gewalttätigen Partner, weil sie niemals andere Beziehungen kennengelernt haben.

Nach Aussage von Michaela Huber, einer der erfahrensten und kompetentesten Traumatherapeuten im deutschsprachigen Raum, sind die meisten Frauen, die immer wieder aufs Neue an gewalttätige Partner geraten, Opfer sexuellen Missbrauchs in der Kindheit. 

Ganz typisch ist, dass der Erwachsene einen solchen Partner wählt, der ihm als Retter erscheint. Der Retter, den er als Kind herbeisehnte, der nie gekommen ist. Der Retter, der ihn jetzt aus der toxischen Beziehung retten soll.  Wenn dieser Retter ebenfalls unverarbeitete Kindheitstraumata hat, sind die Folgen für die Beziehung verheerend.

Das Drama-Dreieck

Zum Drama-Dreieck gehören drei Rollen: Opfer, Täter und Retter. Diese Rollen werden oft innerhalb einer Beziehung von traumatisierten Partnern ausgetauscht. Der klassische Fall ist, dass der Partner, der als Retter des anderen, des Opfers, aufgetaucht ist, sich innerhalb der Beziehung zum Täter wandelt. Manchmal wird auch das Opfer zum Täter und macht den Retter zum Opfer.

Traumatherapie

Die Heilung einer (K)PTBS ist nur möglich durch Bewußtwerden, Wahrnehmen, Integrieren und schliesslich Loslassen des Traumas. Dazu gehört, das traumatische Geschehen aus dem Traumagedächtnis  in eine episodische Erinnerung zu verwandeln. Das heisst auch zu erkennen, dass dieses Geschehen zu Ende ist. Es gehört der Vergangenheit an.

Ganz heilen lässt sich ein Trauma nie. Es bleibt immer ein fester Bestandteil der Persönlichkeit. Wie ein tiefe körperliche Wunde kann es nur eine hässliche Narbe bilden. Diese Narbe wird immer empfindlich bleiben. Das bedeutet, dass jederzeit das Trauma wieder hervorkommen kann.

Es lassen sich aber Strategien lernen, damit umzugehen. Zum Beispiel durch Achtsamkeit: Achtsamkeit ist das Gegenteil von Dissoziation.
(Im Anschluss an den Beitrag gibt es einige Buchempfehlungen zur Selbsthilfe)

Eine Traumatherapie sollte nur von einem kompetenten und möglichst erfahrenen Traumatherapeuten durchgeführt werden mit profunder psychotherapeutischer Ausbildung!

Bei einem Menschen in einer toxischen Beziehung sollte zunächst die Beratung im Vordergrund stehen, keine Therapie.  Die Aufarbeitung durch Psychotherapie ist erst nach dem Ausstieg aus der Beziehung möglich. 

Ich bin kein Psychotherapeut, aber ich biete Beratung vor der Therapie an: Beratung

In meinem Buch findest du einiges über den Zusammenhang von Trauma und Hochsensibilität.


Für Betroffene drei Buchempfehlungen zur Selbsthilfe und um sich selbst und seine Reaktionen besser zu verstehen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.