Leben als Hochsensibler

Ungeschminkte Wahrheiten

Selbstbild

 

Puh. Das kostet ganz schön Mut, dieses Foto zu veröffentlichen.

Nicht nur völlig ungeschminkt, so wie ich halt im Alltag hier rumlaufe, sondern ganz offensichtlich auch noch an einem Bad-Hair-Day.  (Mehr Gründe findet ihr unter Punkt 12.)

Aber ihr wolltet ja mehr über mich wissen. Warum ich wurde, wie ich bin. Warum ich in dieses exotische Land in Nordeuropa ausgewandert bin.

Der Anlass, diesen Beitrag zu schreiben, ist die Blogparade von der zauberhaften Birgit Schultz: https://marketing-zauber.de/24-fakten/

Bitte, hier sind also einige Fakten über mich,  die ihr wahrscheinlich noch nicht kennt:

 

1. Auswandern wollte ich schon als Vorschulkind

Denn ich bin in Essen, damals auch „Kruppstadt“ genannt, geboren.  Damals war das Ruhrgebiet zurecht berüchtigt für seine schlechte Luft, denn geheizt wurde überwiegend mit Kohle. Der schwarze Rauch verdüsterte nicht nur den Himmel, sondern färbte in nur wenigen Jahren auch neue, weissgekalkte Häuser kohlenstaubgrau. Schon als sehr kleines Mädchen, an der Hand von Oma oder meiner Mutter, empfand ich die düstere Umgebung als sehr deprimierend und wollte weg aus grauer Städte Mauern.

 

2. Meine Liebe zu Büchern

erwachte lange, bevor ich lesen konnte. Viel mehr als meine Bilderbücher interessierten mich die wunderschön eingebundenen Bücher meines Vaters, die ich aber nicht aus dem Regal nehmen durfte; weil ich „erst grösser werden“ musste. Folglich kontrollierte ich häufig, bis zu welchem Regalbrett meine Hände reichten – bin ich nun gross genug? – Als ich dann endlich lesen konnte, las ich vor allem Märchen und „Erwachsenenbücher“ über Psychologie, Medizin, Pädagogik.

 

3. Kühe und Blumen

Zum Glück für meine Entwicklung verbrachte ich bis zum Schuleintritt immer wieder sehr viel Zeit bei Verwandten auf dem Bauernhof, wo die Natur noch heil war. Dort war ich bei allem, was es zu tun gab, dabei: Auf dem Feld beim Heumachen, Garbenbinden und Kartoffeln lesen; im Stall beim Melken und Füttern, die Kühe zur Weide bringen und  beim Hüten. Kühehüten war die absolute Lieblingsbeschäftigung meiner frühen Kindheit.  Es gab nichts Schöneres, als auf der Sommerwiese zu liegen und den Kühen zuzuschauen; das Gras und die Feldblumen, die Bäume und die Sonne zu betrachten.  Kühe waren die absoluten Lieblingstiere meiner Kindheit; sie vermittelten Mütterlichkeit, Geborgenheit und Schutz. Ich war sehr traurig, dass wir kein Kälbchen mit in unsere Stadtwohnung nehmen konnten – wegen der Perserteppiche, wie meine Mutter erklärte.

 

4. Was ich werden wollte

Mein erster Berufswunsch war eindeutig: Ich wollte Medizin, Psychologie und Pädagogik miteinander verbinden, um Kindern mit Verhaltens- und Entwicklungsstörungen (-von denen es einige in meiner Umgebung gab-) zu helfen.  Ich war sehr enttäuscht, als mein Vater mir erklärte, dass ich gar keinen neuen Beruf erfunden hatte, sondern dass es die Heilpädagogik schon gab. Warum half dann niemand diesen Kindern?

 

5.  Das Geheimnis der Santa Lucia

Das war der Titel eines Buches, das ich als Lohn für meine erste veröffentlichte Geschichte in der Wochenendbeilage der Tageszeitung erhielt. Ich war 12 Jahre alt und bitter enttäuscht: Denn erstens hatte ich gehofft, Geld für eine Veröffentlichung zu bekommen, womit ich meine Eltern unterstützen wollte, die gerade ein Haus gekauft hatten und dafür einen Kredit aufgenommen hatten.

Vor allem aber hatte die Redaktion meine schöne Geschichte so gekürzt, dass ich mich furchtbar schämte bei dem Gedanken, jemand könnte glauben, dass ich so schreibe. Geschichten hatte ich schon jahrelang geschrieben nur zum Spass. Einige Lehrer und Verwandte sagten mir bereits eine Karriere als Schriftstellerin voraus, wodurch mein Berufswunsch Heilpädagoge vorübergehend von der Vorstellung einer erfolgreichen Autorin verdrängt wurde.

Nach dieser herben Enttäuschung mit der WAZ verschwand mein geplanter Jugendroman „Nicola“, geplant in 13 Bänden, der Inhalt war schon festgelegt; Band 1 fast fertig geschrieben, in der berühmten Schublade. Fortan widmete ich wieder mehr dem Lesen als dem Schreiben.

 

6. Anders war ich immer schon

Schon sehr jung wurde mir bewusst, dass ich irgendwie anders tickte als die anderen – weder mit anderen Kindern noch mit  Erwachsenen konnte ich darüber reden, wie ich die Dinge erlebte; geschweige denn, was ich fühlte.

Vor allem die allermeisten Erwachsenen verstand ich überhaupt nicht. Wie war es möglich, dass sie so viel weniger sahen und fühlten als ich? Zu meinem Selbstschutz lernte ich sehr früh, mit niemandem zu sprechen über meine Wahrnehmungen und darüber, was ich fühlte und dachte.

In den Augen der Erwachsenen war ich ein schwieriges Kind mit merkwürdigen Verhaltensweisen. – Nachdem ich als Jugendliche die psychologische Fachliteratur gelesen hatte, war ich überzeugt davon, Autist zu sein! Das Konstrukt Hochsensibilität war noch nicht gefunden in den 60er Jahren.

 

7. Ich bin nicht gern allein

Nein, wirklich nicht. Und doch kenne ich nicht nur Alleinsein, sondern auch Einsamkeit – das Alleinsein inmitten von anderen Menschen – von jung an.  Vermutlich deshalb habe ich mich sehr früh für alternative Lebensformen interessiert. Folgerichtig habe ich einige Gemeinschafts – Wohnprojekte mitgegründet.

 

8. Warum gerade Finnland?

Die kurze Antwort: Wegen des Lichts. Dieses unglaubliche, überwältigende, klare Licht, das nicht nur vom Himmel kommt, sonder von überall her: Von der Erde, aus allen Himmelsrichtungen. –

Das war meine Antwort auf diese Frage, bevor ich hierher zog. Im Laufe der Zeit wurde mir klar, dass Finnland das ideale Land für Hochsensible ist: Die reizarme Landschaft mit nur wenigen Elementen, wenigen Farben. Vor allem aber wegen der finnischen Mentalität: Hier tritt einem niemand zu nahe, weder im wörtlichen noch im übertragenen Sinn. Ganz wichtig auch: Man wird nicht nach Äusserlichkeiten wie Kleidungsstil etc. bewertet, Und: In Finnland ist das Alleinsein Lebensart.

 

9. Ausbildung und Berufsleben in Zahlen

Ich habe 7 allgemeinbildende Schulen besucht.  Bei Ausbildungen – Studiengängen – Kursen komme ich auf ganze 14.  Die Jobs und Stellen, die ich hatte, bekomme ich nicht mehr alle zusammen; aber mein erster Job war Aushilfe im Krankenhaus in den Weihnachtsferien, als ich 14 war. Es folgten Kinderheim, Altenheim, Schularbeitenhilfe im sozialen Brennpunkt – meine Laufbahn zeichnete sich schon früh ab.

Selbständig als Therapeutin bin ich seit 1991.

 

10. Mein Chor bedeutet mir sehr viel

Schon als Kind habe ich gern und viel gesungen, wie alle in meiner Familie. Seit 15 Jahren singe ich in einem Kirchenchor, der überwiegend geistliche Barockmusik singt, die ich sehr liebe! Chorsingen ist ein soziales Kunstwerk, ein gewisses Mass an Empathie ist unabdingbar.  Denn ein guter Klang kann nur dann entstehen, wenn jeder nicht nur die anderen Stimmen , sondern auch alle Mitsänger der eigenen Stimme hört und sich nach den anderen richtet.

 

11. Als Kind hatte ich Angst vor

Fahren mit dem Aufzug! Ich kannte nichts Gruseligeres. Denn wir wohnten einige Jahre in einem Hochhaus, in der 7. Etage. Die Enge – eingeklemmt in engsten Raum mit anderen Menschen und nicht weg zu können, war furchtbar; noch heute spüre ich die körperliche Panik. Bei jeder einzelnen Fahrt hatte ich furchtbare Angst, der Aufzug könnte steckenbleiben zwischen zwei Etagen; oder, noch schlimmer, abstürzen bis in bodenlose Tiefen. Tatsächlich blieben wir einmal stecken. Gott sei Dank war der Aufzug nicht ganz voll, zwei Erwachsene waren bei mir. Nach 20 Minuten fuhr er dann weiter.

 

12. Was mir sehr schwer fällt

bei meiner Online-Tätigkeit, ist, mich zu zeigen. Ich stehe lieber in der zweiten Reihe als ganz vorne im Rampenlicht. Fotografiert werden ist dabei das Allerschlimmste. Nicht nur, weil ich mich auf den allermeisten Fotos ganz unmöglich finde – so sehe ich doch nicht aus! – Sondern vor allem, weil der Fotograf garantiert ruft: „Bitte lächeln!“ ??? Ich lächel die ganze Zeit! „CHEESE!“ Heisst es dann. Ich ziehe die Mundwinkel hoch, rufe „Cheese“, irgendwann knipst er dann endlich. Und dann muss ich mir anhören: Schönes Foto, aber warum guckst du denn so traurig?  –

Lasst es euch jetzt ein für allemal gesagt sein: Ich lächele auf den Fotos, die ihr von mir kennt! Fotos, auf denen ich traurig gucke, bekommt ihr gar nicht zu sehen. So sehe ich nun mal aus, wenn ich lächel!

 

13. Wenn ich Geld im Überfluss hätte

Dann würde ich eine Haushälterin einstellen, die nicht nur putzt, Schränke aufräumt, wäscht und bügelt, sondern auch einkauft und mich bekocht. Ausserdem einen Chauffeur, der sich selbstredend auch darum kümmert, dass mein Auto immer tiptop und einsatzbereit ist. Und dann brauche ich noch einen Laufburschen, der Päckchen zur Post bringt und alle diese unglaublich lästigen, zeitraubenden Dinge erledigt Schneeräumen inklusive!

 

14. Sport mag ich nicht

Das war schon in Schulzeiten das mit Abstand unbeliebteste Fach. Schneller, höher, weiter – da sehe ich absolut keinen Sinn drin. Erst recht nicht in Wettkämpfen: Warum ich besser sein wollen soll, ist für mich eines der ungelösten Rätsel im Leben. Ich mag stille, meditative Bewegung: Schwimmen, Yoga, Spazierengehen. Wusstet ihr, dass man nur in deutschsprachigen Ländern spazieren geht? Das Wort gibt es nicht in anderen Sprachen, und auch nicht die Tätigkeit im eigentlichen Sinn: Gemächlich, ohne Eile und zu keinem anderen Zweck als Luft und Natur zu geniessen, gemütlich ohne Eile zu gehen. Früher nannte man das auch lustwandeln.

Ich spaziere täglich wenigstens zwei Stunden mit meinen Hunden durch Feld und Flur.

 

15. Meine Freiheit ist mir sehr wichtig

Anders als in spirituellen Kreisen gerne behauptet wird,  ist Freiheit für mich durchaus etwas Äusseres. Meine Freiheit ist mir immer schon sehr wichtig gewesen: Tun zu können, was mir gefällt. So zu leben, wie es mir entspricht, mich nicht von gesellschaftlichen oder auch politischen Normen einzwängen zu lassen. Immer schon reagierte ich allergisch auf Vorschriften, die weder auf ethischen, noch auf Gründen der Rücksichtnahme auf Mensch und Tier beruhen. Meine rebellische Art hat nicht dazu beigetragen, mein Leben zu erleichtern!

 

16. Ich habe jahrelang meine gesamte Kleidung selbst hergestellt

Mir gefielen die Nullachtfünfzehn-Klamotten in den Läden einfach nicht. Meine Kleidung sollte meiner Individualität Ausdruck verleihen. So entwarf ich sehr individelle, auffallende, meist sehr unpraktische, Kleidung. Von Hand  fertigte  ich alles an und nutzte dabei alle Stoffe, die mir in die Hände fielen. Alte Vorhänge, Tischdecken, Bettwäsche, Polsterbezüge. So manche Tischdecke schwatzte ich meinen Verwandten ab!  Oft färbte ich die Sachen ein oder bestickte sie aufwändig. Aus Garnen häkelte und strickte ich Pullover, Hüte, Mäntel. Schuhe und Stiefel bemalte ich mit Autolack.

Meine Outfits wurden so bewundert, dass ich eine Zeitlang davon lebte, selbstgenähte Sachen auf Flohmärkten zu verkaufen und auch Auftragsarbeiten durchzuführen. Der Erfolg war so durchschlagend, dass ich sogar überlegte, auf eine Modeschule zu gehen. Doch schnell wurde mir klar, dass ich dauerhaft glücklich sein würde nur mit einer Arbeit, mit der ich Menschen helfen kann.

 

17. Mit 15 bin ich von zu Hause ausgezogen

Ich musste meinen eigenen Weg gehen, das war in meiner Familie nicht möglich. Ich hatte es nicht leicht mit meinen Eltern; aber meine Eltern hatten es auch nicht leicht mit mir. Vor allem meine nicht-hochsensible, extrem pragmatische Mutter litt darunter, dass ihre erste, so lang ersehnte Tochter so unbegreiflich fremd war wie eine Erbsenprinzessin von einem anderen Planeten. Es dauerte Jahrzehnte, bis wir beide entdeckten, dass wir zwar von unserer seelischen Beschaffenheit grundverschieden waren;  aber viele gute Charaktereigenschaften gemeinsam hatten: Wie z.B. Durchhaltevermögen, Zivilcourage und last but not least eine sehr hohe  Resilienz.

Wenn du noch mehr über mich wissen möchtest, hier findest du noch mehr Über mich

 

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Von Pol zu Pol

4 Gedanken zu „Ungeschminkte Wahrheiten

  1. Liebe Jutta,
    vielen Dank für Deine Teilnahme an meiner Blogparade! Jetzt weiß ich noch ein wenig mehr über Dich und auch, was wir gemeinsam haben (die kohlenstaubgrauen Häuser fand ich auch schrecklich – sie sind sehr selten geworden!). Um „richtig“ an meiner Blogparade teilzunehmen, weise doch bitte im Text auf meine Blogparade hin und verlinke meinen Artikel. 🙂

    Zauberhafte Grüße
    Birgit

    1. Liebe Birgit,
      vielen Dank! Ja, ich finde es auch ganz grossartig, auf diese Weise mehr über Menschen zu erfahren, mit denen man über die sozialen Medien immer wieder zu tun hat. Schon allein aus diesem Grund wünsche ich dir auch ganz viele Teilnehmer an dieser Blogparade!
      Herzbewegte Grüsse, Jutta

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