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Über Imagination

Wolkenbild
Lesezeit ca: 7 Minuten

 

Träumst du schon wieder!?

Hallo?

Ja, du! Ich rede mit dir! Hörst du überhaupt, was ich sage?

Verwundert wende ich den Kopf und sehe die Lehrerin an. Ja, natürlich habe ich gehört, was sie gesagt hat – ich bin ja nicht taub!

Aufwachen! Hör mal auf zu träumen!

Geträumt, ich? Wie kommt sie da nur darauf – natürlich nicht! Ich habe doch nur aus dem Fenster geschaut und die vorbeiziehenden Wolken beobachtet, ihre sich ständig verändernden Formen bewundert. Mich gefragt, ob Wolken lebende Wesen sind, ob und was sie fühlen; oder ob sie die Behausung für ätherische Wesen darstellen – Engel vielleicht, die sich in Wolken kleiden…..

Was hat das mit Träumen zu tun? Nichts. Ich nehme die Welt wahr und versuche, sie zu verstehen.

Dass die Lehrerin da vorn vor der Tafel lang und breit erklärt hat, wie man eine Geschichte nacherzählt – ja, meine Güte, war ja nicht zu überhören. Warum tadelt sie mich bloss, weil ich dabei aus dem Fenster sehe?

– So, du hast also zugehört? Dann erzähle doch mal die Geschichte nach, die wir vorhin gelesen haben!

Was hat sie denn heute nur? Gut, ich erzähle die Geschichte nach. Sie schweigt einen Moment. Dann sagt sie in etwas milderem Ton: Das war gut. Obwohl du überhaupt nicht aufgepasst hast. Zu was für Leistungen du wohl fähig wärst, wenn du nur aufpassen würdest statt ständig zu träumen!

Sie versteht es einfach nicht, dass das mit träumen gar nichts zu tun hat!

 

 

Tagtraum oder Imagination?

Nein, ich bin kein Tagträumer. Tagträumen bedeutet, sich in eine Phantasiewelt zurückziehen, sich seine eigene Welt erschaffen. Das mache ich wirklich nur sehr selten. Nicht, wenn andere Menschen da sind, und bestimmt nicht in der Schule!

Ich bin ganz wach, hochkonzentriert. Ich sehe und höre genau, was die Lehrerin erzählt. Das erfordert aber nur sehr wenig Aufmerksamkeit und interessiert mich auch nicht. Also kann ich nebenbei noch etwas anderes machen:

Ich übe mich in imaginärer Wahrnehmung.

Ich betrachte die Wolken, verfolge ihre Bewegungen. Nein, ich assoziiere keine fliegenden Elefanten. Sondern denke über ihre Beschaffenheit nach.

Was sind Wolken? Sind sie wesenhaft? Oder dienen sie als Hülle für ätherische Luftwesen, die ich nicht sehen kann?

Was ist nun der Unterschied zwischen Imagination (- lt. Wikipedia Phantasie, Einbildungskraft) und Tagtraum?

Beim Tagträumen gibt man sich inneren Bildern hin, die völlig unwillkürlich entstehen. Man lässt sich ziellos treiben von diesen Bildern. Dabei ist man ganz in seiner eigenen inneren Welt, die reale Aussenwelt hat keine Bedeutung.

Im Gegensatz dazu orientiert sich die imaginierende Wahrnehmung immer an der Aussenwelt. Ausserdem lässt man sich dabei nicht ziellos treiben, sondern konzentriert sich auf eine Sache – bei mir sind es Wolken, Bäume, oft auch Tiere, seltener Menschen – etwas, was ich von einem ruhigen Posten beobachten kann. Wichtig ist auch, dass ich dabei irgendwo entspannt sitze, mich jedenfalls nicht bewegen muss.

Ich schaue also dieser Wolke zu, die langsam näher schwebt. Mein Blick ist dabei weich; d.h. nicht scharf und  fokussiert. Dann lasse ich meine Gedanken fliessen: Woher kommt die Wolke? Was ist überhaupt eine Wolke? Ist sie lebendig? Fühlt sie? Empfindet sie Kälte oder Sonne? Oder ist sie das Kleid, die Hülle für ein oder mehrere Wesen?

Ein wenig erinnert das Imaginieren an Meditation.

Natürlich verstehe ich heute, dass die strenge Grundschullehrerin sich Sorgen um meine geistige Gesundheit machte; denn mit Hingabe gab ich mich regelmässig diesen Imaginationsübungen hin; viele Male täglich, da der Unterricht mich meistens extrem langweilte.  Die ebenso regelmässigen Unterbrechungen  von Lehrerseite – „Wo bist du denn wieder mit deinen Gedanken! Jetzt pass aber mal auf!….“  störten mich dabei nicht.  Ich wurde ja nicht aus einem schönen Traum unsanft in die Realität geholt, sondern ich war die ganze Zeit hellwach und anwesend! Deshalb fiel es mir nie schwer, mich auf der Stelle wieder am Unterricht zu beteiligen, wenn der Lehrer sich mit einer Frage an mich wandte.

 

 

Das Wesen der Dinge

Bäume zeigen ihr Gesicht
Bäume oder Gnome?

In Wirklichkeit halfen mir diese regelmässigen Übungen dabei, meine Fähigkeit zur Wahrnehmung zu schulen. Tiefer zu schauen; Eigenschaften in den äusseren Erscheinungen zu entdecken, die sehr leicht unentdeckt bleiben, wenn man nur mit dem Alltag und den äusseren Erscheinungen beschäftigt ist. Wie viele Erkenntnisse über die Welt und das Sein verdanke ich diesem in meiner Kindheit von fast allen Erwachsenen so sehr getadeltem angeblichem träumen!

Denn auf die Weise übte ich, hinter die physischen Grenzen der Dinge zu schauen.

Ich glaube nicht, dass ich – abgesehen von meiner anderen neuronalen Vernetzung durch die Hochsensibilität – eine besondere Begabung dafür hatte oder habe. Kinder sind noch nicht so fest inkarniert wie Erwachsene; ihre höheren Wesensglieder – Seelenleib und Ätherleib – sind noch viel lockerer mit dem physischen Leib verbunden, weshalb bis zu einem gewissen Alter alle Kinder diese Fähigkeit zur Imagination haben: Die physischen Erscheinungen öffnen sich ihnen sehr schnell.

Kann man sich das auch als Erwachsener aneignen? Das weiss ich leider nicht; ein Versuch kann nicht schaden! Aber wenn man als Kind Gelegenheit hat, zu üben, bleibt die Fähigkeit jedenfalls erhalten.

Die wichtigste Voraussetzung zum imaginieren ist:

 

 

Nichtstun

Musse und ziellose Hingabe. –  Wer hat so etwas heute noch? Wer nimmt nicht im ersten Moment, wo sich ein solcher Moment bietet, Handy oder Tablet zur Hand? (Wobei es mir eine grosse Frage ist, ob nicht durch die dadurch wirkende ständige elektro-magnetische Strahlung so auf das Gehirn wirkt, dass die Fähigkeit zu sogenannten aussersinnlichen Wahrnehmungen zerstört wird; aber das ist wieder ein anderes Thema.)

Was die Kindheit betrifft, wird seit langem zu Recht beklagt, dass Kinder so viel weniger freie Zeit zur Verfügung haben als in früheren Generationen. Kinder sollen schon früh Hobbies haben; möglichst mehrere, die ihre ganze Zeit in Anspruch nehmen.

Und wenn nichts zu tun ist, und man nicht das Handy zur Hand nimmt bzw. es dem Kind verweigert, was dann?

 

 

Ein Hoch auf die Langeweile

Wer kennt denn noch Langeweile? Wir Erwachsenen haben meist soviel Stress durch Alltag und Beruf, dass für Musse, geschweige denn für Langeweile gar keine Zeit ist.

Wieso eigentlich? Die wöchentliche Arbeitszeit ist immer mehr reduziert worden; für den Haushalt stehen immer mehr technische Hilfsmittel zur Verfügung. Wieso haben wir immer weniger Zeit?

Kann es sein, dass Zeit wirklich relativ ist? Je mehr Zeit für Musse ich mir irgendwo nehme, desto mehr Zeit habe ich.

Ich gehe noch einen Schritt weiter: ich glaube, das Erleben von Langeweile ist existentiell notwendig für die Imagination.

Wie lange dauert Langeweile, wenn ein Kind klagt über Langeweile; und die Bezugsperson sagt NICHT: “ mach doch dies oder das“?

In meiner eigenen Kindheit gab es einige Umstände, die meine Fähigkeit zu Imaginieren förderten.

Das waren die langen Zeiten, die ich immer wieder bei Verwandten auf dem Land verbrachte. Es gab dort keine Kinder, keine Spielsachen, nichts. Nur eine einzige Beschäftigung: Einer älteren Verwandten, die für das Vieh zuständig war, zu folgen. Morgens die Kühe auf ihre Weide zu bringen und abends wieder abzuholen. Es gab mehrere Weiden; auf einer mussten die Kühe ganztags gehütet werden.

Noch heute kann ich mir nichts entspannenderes , langweiligeres vorstellen als eine Herde zu hüten. Man kann im Gras liegen oder sitzen und darf die Tiere nicht aus den Augen lassen, viele Stunden lang. Keine sehr fordernde Tätigkeit; wenn eine Kuh Richtung Wald rannte, konnte das nicht unbemerkt bleiben, sofern man nicht eingeschlafen war oder heimlich las.

An diesen Tagen, auf eben jener Weide, habe ich unendlich viele Erkenntnisse über die Natur gewonnen.

 

Schlaf, Langeweile oder Imagination?

Was für den unbeteiligten Aussenstehenden aussieht wie träumen oder faulenzen, ist in Wahrheit höchste innere Aktivität: Das Üben eines unserer höheren Sinne.

Genau so wie das Baby den Gebrauch der physischen Sinne üben muss – verschiedene Gerüche, Töne, Stimmen und Farben zu unterscheiden -, so müssen wir uns auch in der Anwendung der nicht-körperlichen, den sog. höheren Sinnen üben.

 

 

Die höheren Sinne

In jedem Menschen sind ausser den bekannten Sinnen zur körperlichen Wahrnehmung auch diese Sinne angelegt:

Inspiration, Imagination und Intuition.

Aber wie alle Sinne verkümmern sie, wenn sie nicht geübt und benutzt werden.

 

Inspiration

Laut Wikipedia ist Inspiration eine Eingebung, oft im Sinne einer künstlerischen Idee.

Für mich ist die Inspiration derjenige der höheren Sinne, der am leichtesten fassbar ist. Denn jeder Mensch hat Ideen! Trotzdem glaube ich, dass man sich auch im inspirieren üben kann und sollte.

Wie? Ganz einfach, indem man über einen völlig absurd erscheinenden Einfall nachdenkt: Wie komme ich darauf? Kann ich das zumindest zum Teil umsetzen? Und nicht sofort als totalen Blödsinn abtun. Damit fördert man den Ideenreichtum. Nichts anderes ist Inspiration!

 

Imagination

Eine Imagination ist ein inneres Bild im Gegensatz zur Inspiration, die eher als Gedanke auftaucht.

Beide, die Imagination sowie die Inspiration, sind eng verbunden mit der Phantasie. Was ist überhaupt Phantasie? Laut Wikipedia eine bildhafte Vorstellung – ja, und was heisst das? Woher kommt das, was ich mir vorstelle? Ich glaube, die Phantasie ist die Anlage zur Imagination und zur Inspiration.

Zugegebenermassen ist es nicht immer einfach, eine Imagination, also eine bildhafte Vorstellung vom Wesen der Dinge, von einer Phantasie zu unterscheiden; auch das will geübt sein.

 

Intuition

Während die  Inspiration als gedankliche Eingebung und die Imagination als bildhafte Eingebung bezeichnet werden kann, ist die Intuition eine gefühlsmässige Eingebung. Sie ist vielleicht der schwierigste der höheren Sinne, denn der Unterschied zwischen einer echten intuitiven Eingebung und der Eingebung eines aufgrund nicht ganz verarbeiteten Traumas plötzlich auftauchenden Gefühls ist eine echte Herausforderung. ( Siehe dazu auch Fühlst du deine Gefühle )

Auch das „Üben“ der Intuition ist nicht einfach.

Was man aber tun kann, ist, ihr optimale Voraussetzungen zu schaffen.

Lies auch: Schlaf und Intuition

 

Imagination

 

Fazit

Faulenzen, laut Duden „sich dem Nichtstun hingeben (und dabei Dinge vernachlässigen, die man zu tun hätte)“  ist nicht unbedingt das, wonach es aussieht.

Unter Umständen ist das, was der Faulenzer in Wahrheit macht, viel wichtiger als die Dinge, die er zu tun hätte und vernachlässigt!

Also, gebt euch regelmässig mit reinem Gewissen der beschaulichen Musse hin.

Lasst die Augen schweifen, bis sie etwas Interessantes entdecken: Die Bewegungen der Bäume im Wind, den Tanz der Schneeflocken, die dahinziehenden Wolken – und lasst los. Seht hindurch, ohne mit dem Blick fest zu halten.

Gebt euch hin. Mehr nicht.

Übrigens, ganz nebenbei: Das ist wunderbar entstressend.

Deshalb macht es auch gern mal für eine lange Weile!

 

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Jutta Administrator
Mein Name ist Jutta Jorzik-Oels, als Berater und Coach bin ich spezialisiert auf Hochsensibilität. Ich helfe hochsensiblen Menschen in Krisensituationen.

2 Gedanken zu „Über Imagination

  1. Liebe Jutta, das ist ein wundervoller Artikel – vielen Dank dafür. Langeweile auszuhalten ist tatsächlich eine hohe Kunst. Ich konnte mich gerade sehr gut in das Bild mit der Kuhweide hinein versetzen und der erste Gedanke der mir kam war innerer Friede. Dieses Bild nehme ich mir mit ins Wochenende. Viele Grüße Ines

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