HochsensibilitätReisen

Hochsensibler auf Reisen – Wiedersehen mit Kathmandu

Wie wunderbar, wieder hier zu sein!

Ich liebe Asien – dieser Sinnesrausch an Farben, Geräuschen, Gerüchen. Diese totale Überflutung, völlige Überforderung für jemand wie mich, der jeder Besuch in einem europäischen Kaufhaus schon zu viel ist.

Aber einmal im Jahr liebe ich diesen Rausch. Willkommene Abwechslung zu der leisen, schwermütigen, grau-blauen finnischen Umgebung, in der ich meistens lebe.

Kathmandu – hier kann ich eintauchen ins pralle Leben!

Heute gehe ich in die andere Richtung. Am Tempel links, weiter bis zur Kurve, – und hier sind nur noch alte, elende Häuser, in jedem Haus ein Mini-Gewölbelädchen. Hier Shampoo, da Chips, nebenan Kartoffeln, im nächsten Okraschoten. Und dann bin ich an der grossen Strasse.

Das Abenteuer, eine Strasse zu überqueren. Spuren gibt es nicht, in jede Richtung fahren 4-6 Autos, LKWs, Busse, Tuktuks, wild neben- und durcheinander, zwischendurch versuchen sich die Motorräder zu schlängeln. Alle hupen wie wild, es ist eine ohrenbetäubende Kakophonie. Ich gucke nach rechts und nach links – leider keine Kuh in Sicht diesmal, der ich mich anschliessen könnte und auf diese Weise relativ sicher drüben ankommen könnte. Ich gucke und warte und gucke und warte – und endlich wage ich mich in diesen Strom, Schritt für Schritt, tastend, wartend, immer weiter…. Nach 3 oder 4 Minuten habe ich das andere Ufer erreicht. Hier gibt es parallel zur grossen Strasse einen Weg für Menschen, Hunde und alle Arten von Zweirädern. Wobei ”Weg”eine völlig irreführende Bezeichnung ist.

Nun ja, ein Weg führt einen irgendwo hin, insofern ist es ein Weg. Allerdings hat dieser Weg mit jedem Trampelpfad, Wald- oder Feldweg , was auch immer man sich vorstellt, ebenso viel gemein wie die stinkenden, dreckigen zerlumpten Klamotten eines Obdachlosen mit einem festlichen Abendkleid. – Hier gibt es auf jedem Meter erhebliche Höhenunterschiede, Schlaglöcher, der Untergrund wechselt von Schlamm und Modder zu Gesteinsbrocken, Müllhäufchen, Stroh…. Niemanden, der hier unterwegs ist, beeindruckt das.

Es ist Freitagnachmittag, Unmengen Menschen sind unterwegs. Junge, Alte, Kinder, Gebrechliche; in leuchtenden Saris, Kurtas, tibetischen Trachten, Adidasanzügen, westlicher Mode, festlichen Anzügen. Fast alle schwatzen fröhlich. Niemand hat Eile. Wozu auch? Das Leben geht ja immer weiter, was sollte es schon geben, was ich nicht später oder morgen tun kann? Was für ein westlicher vollkommener Unsinn, sich zu beeilen..

 

Am Rand wieder ein Minikiosk neben dem andern; gehandelt wird immer und mit allem. Kaugummis, T-Shirts, Batterien, Melonen, Plastikbälle…

Ich komme zu einer Art Platz. Einige Frauen hocken dort zusammen und schwatzen. Mehrere Feuer brennen, jemand verbrennt Müll. Der beissende Qualm mischt sich mit den Gerüchen der Strasse: Knoblauch, Fisch, faulende Früchte. Plötzlich aufdringlich und stark: süsser, betäubender Haschischgeruch. Qualm und wirbelnde Staubwolken schränken die Sicht ein und erschweren das Atmen. Aber dort ist eine Gruppe halbwilder Hunde, die  spielen und miteinander balgen. Andere liegen nach Hundeart mitten im Weg und schlafen. Fasziniert gucke ich eine Zeitlang den spielenden Hunden zu. – Strassenhunde, sich selbst überlassen und ohne das Eingreifen des Menschen in die Fortpflanzung, ohne ”Veredelung” werden alle wieder schäferhundartig, äusserlich dem Wolf ähnlicher. Und sie sehen sich alle ähnlich, überall auf dieser Erde. Und ihre Kommunikation – ich habe gelernt, dass die Körpersprache von Hunden je nach Rasse sehr unterschiedlich ist; so sprechen z.B. Retriever eine völlig andere Sprache als Schäferhunde. Strassenhunde aber haben überall auf der Welt dieselbe Sprache, dieselben Spielregeln. – Jetzt haben die Hunde entdeckt, dass ich sie beobachte, kommen näher, wittern mit sicherem Instinkt mein grosses Herz für sie. Einer drängt sich an mich; – ach du Kleiner – leider kann ich dich nicht mitnehmen. Irgendwann versteht er es und bleibt zurück. – Auch die Menschen kommen mir, unweigerlich aus Platzmangel, sehr nah. Niemand hält gebührenden Abstand zum Nächsten. Aber hier stört es mich nicht, denn, anders als sehr häufig in Europa, treten sie mir dennoch nicht zu nahe, durchstossen meine Hüllen nicht. –

Fasziniert nehme ich alle Eindrücke in mich auf. Je chaotischer es um mich herum wird, desto ruhiger und gelassener werde ich.

Es wird Zeit, umzukehren. Bald bricht die Nacht herein.

Das heisst völlige Dunkelheit – denn es ist grade wieder Stromsperre. – Noch mal das Abenteuer, die grosse Strasse zu durchqueren. Mich dem Rhythmus der Fahrzeuge anpassen; dem Rhythmus der Menschen auf und an der Strasse.

 

Ich bin mittendrin im Strom des Lebens.
Noch um diese Kurve dort. Da ist der kleine Tempel, Chundevi, der unserer Gasse den Namen gegeben hat. Und schon bin ich in unserer Gasse. Und in einer Parallellwelt.

Plötzlich ist es ganz ruhig. Nur selten unterbricht ein entferntes Hupen die Stille. Vögel singen. Die elenden, dunklen Hüttchen blieben hinter der Kurve, wurden abgelöst von grossen, schönen Häusern, durch drei Meter hohe Mauern sorgsam abgeschirmt. Hier wohnen reiche Geschäftsleute und Diplomaten. Schmutz und Unrat bleiben in der Gasse zurück.

Ich läute die Klingel an unserem Tor. Sofort erscheint der Wärter und öffnet. Und ich befinde mich in dem schönen, vom Gärtner gepflegten, grossen Garten, der zum Haus gehört. Der Fahrer wartet, dass er einen Angehörigen aus dem Haushalt, in dem ich hier zu Gast bin, irgendwo hinfahren darf. Der Generator, der das Haus während der zweimal täglichen, bis zu 14 stündigen Stromsperren mit Elektrizität versorgt, brummt leise. Im Haus kommt mir die Maid, unsere Perle, entgegen und fragt, ob sie mir Essen bringen darf. Oder Tee. Oder lieber Obst. Vielleicht eine heisse Zitrone?

Das andere Kathmandu scheint sehr weit weg zu sein. Eine Mauer und 600 Meter.

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