Leben als HochsensiblerMein TagebuchReisen

Hochsensibel in Nepal

 

Ja, ja, ja! Ich liebe es, hier zu sein!

Liebe es, einzutauchen in diese so andere Welt.

Dieses Land erfasst mich wie ein Rausch.

Immer wieder aufs Neue geniesse ich es, einzutauchen in den Alltag auf den Strassen hier in Kathmandu, ein Vollbad zu nehmen in diesen Sinneseindrücken; die so vollkommen abweichen von denjenigen in meiner Heimat.

Hier ist das Leben so – saftig. Wie wenn man in einen Pfirsich beisst, und im Mund explodieren Süsse, viele verschiedenen Aromen, und der Saft läuft einem das Kinn herunter. Und manchmal ist etwas Bitteres dazwischen.

Die Hässlichkeit der Armut, je weiter man von der Hauptstrasse in die schmalen Seitengassen eindringt: Schmutz und Müll. Gestank, den man auch nach Stunden nur schwer aus der Nase kriegt. Junge Ratten, die einem vor den Füssen hin und her huschen.Dazwischen hier und da eine tote Ratte, fett und gross wie eine wohlgenährte Katze.  Dürre Hühner, die im Müll picken. Räudige, humpelnde Hunde. Dazwischen immer wieder Kühe, die so unterernährt sind, dass sie als Anatomiemodelle dienen können; die aus Ermangelung von Gras Blätter von den Bäumen am Strassenrand zupfen.

Und die Menschen: Abgestumpfte Blicke. Fleckige, vor Schmutz starrende Kleidung. lethargisch stehen sie hinter armseligen Karren und halten geröstete Maiskolben feil – geröstet in der Glut von allem, was irgendwie brennbar ist und gerade rumliegt. Andere hocken untätig, mit leblosem Blick unbeweglich im Schmutz. Die Kinder sind still; mit grossen, ernsten Augen und erwachsenen Gesichtern. Die Hütten, aus denen sie hervorlugen: elende, dunkle, feuchte, stinkende Löcher aus Plastikplanen und Pappe; fensterlos, die Türöffnung verhängt mit alten Säcken.

Auch das, das Elend, ist Kathmandu. Und obwohl es mein Herz bedrückt, nehme ich doch auch diese Bitterkeit an als Teil des Lebens.

Überfordert mich das nicht? Doch. Einerseits. Aber zu Hause, nach der Reise, werde ich mich erholen.

Jetzt geht es zurück: Wieder über die grosse Strasse  –

siehe auch Wiedersehen mit Kathmandu

Auf der anderen Strassenseite ist das Leben ganz anders. Auch hier mögen die Menschen nach unseren westlichen Massstäben arm sein, aber nicht nach hiesigen: Sie haben alles, was sie zum Leben brauchen; gemauerte , wenn auch einfache Häuser mit kleinen Lädchen oder Werkstätten. Alles ist entspannt; Hektik gibt es nicht, stattdessen lächelnde Gesichter.

 

 

Arm und reich

Nepalesin

Kaum zu Hause angekommen, geht es nach kurzer Pause wieder weiter. Diesmal begleite ich meine Gastgeberin im gut klimatisierten Auto mit Fahrer, der uns mit „Ma’am“ anredet. Es geht zum Lunch eines internationalen Frauenkränzchens, den die Mitglieder reihum bei sich zu Hause veranstalten. Heute ist die Gastgeberin eine kenianische Modedesignerin. Verglichen mit der palastartigen Villa, in der wir empfangen werden, ist das riesige Haus meiner ständigen Gastgeberin zumindest schlicht.

Es sind etwa 25 Ladies anwesend, die Creme der höheren Gesellschaft von Kathmandu. Viele Nationen sind vertreten, u.a. Japan, Kenia, Indien, Norwegen, Finnland, Deutschland, Kanada, USA, Brasilien. Die meisten der Anwesenden sind Botschafts- oder United Nations Angehörige. – Die Auswahl der Speisen ist erlesen. Der Aufwand der Gastgeberin hält sich jedoch in Grenzen, denn man hat selbstverständlich ein oder mehrere Maids. Niemandem in dieser Runde käme es in den Sinn, selbst zu kochen, geschweige denn einzukaufen oder Geschirr abzuwaschen! – Auch die Unterhaltung dreht sich hier um Themen wie: Wo findet man die besten Modedesigner? Wie findet man zuverlässiges, englisch sprechendes Hauspersonal, wo gibt es Outdoorswimmingpools mit gutem Getränkeservice. – Vor allem letzteres ist ein ernstes Problem, nachdem das schwere Erdbeben 2014 den Pool des exklusiven amerikanischen Sportclubs zerstört hat.

Bin ich nach diesem Tagesprogramm, nach diesen Gegensätzen, noch immer nicht völlig überreizt?

Doch. Total! Mehr als die Armut in den schmutzigen Strassen bin ich überfordert durch den Gegensatz zwischen diesen Welten – das will mich zerreissen.

 

Reis trocknen auf der Strasse

Nach dem Lunch  geht es weiter – der Fahrer hat selbstverständlich gewartet – zu einigen Schneidern, die sowohl traditionelle nepalesische als auch westliche Kleidung nach Mass anfertigen. Die Besuche sind eine zeitraubende Angelegenheit, den in dem wirklich unbeschreiblichen Verkehr in Kathmandu helfen auch weder Geld noch Ansehen; man braucht hier auch schon mal eineinhalb Stunden, um 10 Kilometer zurückzulegen.

Nach diesem überaus anstrengenden Programm wird sofort nach der Heimkehr der Tee serviert. Diese kleine Stärkung ist auch bitter nötig, denn bald geht es wieder weiter:

Nachdem wir uns so richtig in Schale geschmissen haben, fahren wir in ein grosses internationales Hotel zu einer Fashionshow. Dank der hervorragenden Beziehungen meiner Gastgeberin haben wir Logenplätze.

Ist das spannend! Wieder mal bin ich total überwältigt von diesen ungeheuren Gegensätzen. Am Morgen meine Tour durch ganz gewöhnliche Wohnviertel, mit dem Schmutz und dem Unrat, am Abend diese Show für die Elite des Landes – noch nie habe ich so kostbare Gewänder gesehen wie bei den versammelten Zuschauern. – Die eigentliche Show beginnt etwa zwei Stunden zu spät , was völlig normal ist für nepalesische Verhältnisse. Nur Westler reagieren mit Ungeduld auf die Verspätung , die Nepalis gehen in die Hotelbar, wo die Preise mit denen in Genf konkurrieren können.

Ich bin durch die ganzen Eindrücke, vor allem durch die ohrenbetäubende Musik, inzwischen so überfordert, dass ich fast auf meinem Stuhl einschlafe. Endlich beginnt die eigentliche Show, der Catwalk. Da das für mich eine völlig neue Erfahrung ist, zwinge ich mich, wenigstens die ersten zehn Minuten zuzusehen.

Ja, es ist durchaus spannend. Und es ist nicht so, dass ich dieses Gesellschaftsleben, das wie aus einem Film über die britische Kolonialherrschaft ist, nicht auch als etwas völlig exotisches geniesse – aber es ist doch irgendwie blutleer, es fehlt der Lebenssaft.

Immerhin wird hier – wie auch beim Lady’s Lunch – ein Beitrag zur Völkerverständigung geleistet – so viele verschiedene Nationen  und fast alle Erdteile in herzlichem Einvernehmen  auf engem Raum versammelt!

Wie ich als Hochsensible umgehe mit dieser Flut – ach was, Flut – mit diesem Tsunami an Sinneseindrücken?

 

 

Hochsensibler Scanner

Ich gehöre als Hochsensibler zu den sogenannten Scannern. Wie ein Scannergerät taste ich meine Umgebung ab, nehme alles in mich auf und speichere alles.

Später, wenn ich wieder zu Hause sein werde, hole ich alles wieder hervor, und wie Wiederkäuer ziehe ich mich zurück und verarbeite alles – in Ruhe und Abgeschiedenheit.

Das Scannersein hat auch Nachteile: Zum Beispiel sich auf eine einzige Sache, einen einzigen Beruf zu fokussieren, angefangene Dinge zu Ende zu bringen.

Aber auf meinen Fernreisen kommen mir die Vorteile der Scannerpersönlichkeit zugute: Nämlich sich einen gewissen Zeitraum von Sinneseindrücken überschwemmen zu lassen, ohne sich überreizt zu fühlen!

Und ab und zuliebe ich einen derartigen Sinnesrausch. Vor allem aber: Ich nehme alle Wahrnehmungen an. Alles ist willkommen. Alles ist neu und unbekannt,  es macht Freude; ich wehre mich nicht!

Doch in den nächsten Tagen widme ich den heiligen Gebetsstätten, zur Erholung.

Dort komme ich wieder zur Ruhe.

siehe auch: Wiedersehen mit Kathmandu

 


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Die Schattenseite
Viel Glück!

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