Hochsensible Kinder heute

Kinder und Zukunft
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Jutta AdministratorKeymaster
Mein Name ist Jutta Jorzik-Oels, als Berater und Coach bin ich spezialisiert auf Hochsensibilität. Ich helfe hochsensiblen Menschen in Krisensituationen.

Wie können wir als Eltern, Lehrer oder Erzieher hochsensible Kinder und Jugendliche in der heutigen Zeit unterstützen?

Zweifellos stehen wir dabei heute vor ganz anderen Herausforderungen als noch vor 10 Jahren.

Sicher,  es gab immer sowohl Krisen als auch finstere Zukunftsvoraussagen; ein sorgenfreies Leben wie im Paradiesgarten hatten wir nie. Meine eigene Jugend  wurde durch verschiedene Krisen begleitet: Da gab es den kalten Krieg mit ständiger atomarer Bedrohung, den jahrelangen, immer brutaler werdenden Vietnamkrieg, dann die Ölkrise, diverse  Umweltskandale, steigende Arbeitslosigkeit und immer wieder die wachsende Weltbevölkerung.

Mehr als einmal wurden von den Medien Schreckensszenarien des baldigen Weltuntergangs gezeichnet, sollten sich die Berechnungen der Wissenschaftler bewahrheiten.

Krisen gestern und heute

Wir nahmen diese Bilder durchaus ernst. Wir gingen auf die Strasse, genau wie die Fridays-for-future-Generation, um gegen diesen Wahnsinn zu demonstrieren.

Aber trotz allem war die allgemeine Stimmung grundlegend anders als heute in den 2020er Jahren. Das liegt sicherlich auch an den digitalen Medien, die die Menschen ständig mit Nachrichten fluten.  Seit Ende des zweiten Weltkriegs hat kein Ereignis die Menschen in einem solchen ständigen Zustand der Furcht und Unsicherheit gehalten wie die düsteren Zukunftsaussichten, mit denen die Medien die Menschen Tag für Tag bombardieren.

Das begann Ende 2018, als ein junges Mädchen durch die internationalen Medien zum Popstar gemacht wurde und durch ihre Aktionen vor allem bei den  Heranwachsenden massive Furcht vor dem baldigen Ende allen Lebens auf der Erde auslöste. Sie selbst war angetrieben von Angst und Panik; mit ihren Aufrufen „ich will dass ihr Angst habt; ich will, dass ihr dieselbe Panik wie ich  verspürt“ wurde bei den wöchentlichen Demonstrationen überall in Europa diese Angst manifestiert  und führte dazu,  dass eine ganze heranwachsende Generation die Zukunft massiv bedroht sah. 

2020 kam eine neue Angst hinzu, die alle Menschen in den Industrienationen gleichermaßen erfasste.

Als im Frühling 2020 allmählich klar wurde, dass wir es mit einer weltweiten Pandemie zu tun haben, legte sich ein Angstfeld über die Gesellschaft, das die Menschen in Schockstarre versetzte. Gleichzeitig setzten mehr oder weniger verzweifelte Maßnahmen ein, die massive Auswirkungen auf das Leben aller Menschen hatten. Diese Massnahmen werden in verschiedenem Umfang bis heute fortgesetzt, ein Ende ist in Deutschland noch immer nicht absehbar. 

Dennoch begannen die Menschen zu Beginn des Jahres 2022, sich auf ein Leben ohne restriktive Maßnahmen, ohne Angst, ohne ständig drohende Krankheitsgefahr zu freuen. Zu diesem Zeitpunkt brach eine neue Krise über die Welt herein: Krieg in Europa. Und damit kam eine neue Wolke von entsetzlicher Angst über die Welt; viel schlimmer als die vorausgegangenen. Und diese unendliche Angst hat auch diejenigen ergriffen, die sich in den vergangenen Jahren nicht von der allgemeinen Angst anstecken ließen.

Kinder und auch Jugendliche haben ein völlig anderes Zeiterleben als Erwachsene in der Lebensmitte. Viele Kinder können sich heute nicht mehr erinnern an das Leben vor der Pandemie, als enger Kontakt zu anderen etwas Selbstverständliches  war; als man ohne ständige Angst vor schwerer Erkrankung lachen, singen und sich umarmen konnte. Möglicherweise gibt es bald Kinder, die keine Erinnerung haben an ein Leben ohne Angst und ständige Bedrohung; die ihre Eltern und Betreuer nie anders erlebt haben als in ständiger Furcht und Alarmbereitschaft. 

Wir wissen nicht, wie die Welt aussieht, in der unsere Kinder als Erwachsene leben werden.

Wir wissen nicht, wie lange die jetzige Krise anhält; Wochen, Monate, Jahre – und mit ihr die Angst.

Wir wissen nicht, ob schon nächste Woche die nächste Pandemie ausbricht – und mit ihr die Angst.

Wir wissen nicht, ob nicht der nächste Sturm unser Haus zerstört und uns obdachlos macht.

Wie also können wir unsere Kinder vorbereiten auf eine völlig unkalkulierbare Zukunft?

Die Haltung der Vertrauenspersonen

Eines der Grundgesetze jeder Pädagogik ist, dass der Erziehende vor allem durch seine Persönlichkeit auf das Kind wirkt. Jedes Kind spürt, wenn ich etwas lehre, woran ich nicht glaube. Wenn ich grosse Furcht habe, mich im Supermarkt mit Corona zu infizieren und dem Kind sage, dass es völlig ungefährlich ist, einkaufen zu gehen, wirkt meine Furcht stärker als meine Worte. Das Kind verinnerlicht meine Ängste. Ein hochsensibles Kind erlebt mich als unwahrhaftig und meinen Worten nicht mehr trauen.

So unbequem es ist: Erziehung ist vor allem Selbsterziehung. Deshalb, dir selbst und deinem Kind zuliebe: Wenn dein Leben bestimmt ist von Furcht und Sorge: Lerne Strategien, damit umzugehen!

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Dem Leben vertrauen

Als Elternteil möchtest du vor allem anderen deinem Kind eine gute, eine sichere Kindheit  und eine schöne Zukunft bieten. So schwer es auch ist: Akzeptiere den Gedanken, dass niemand weiss, was in der Zukunft dein Kind erwartet. Der wichtigste Rat ist: Sei ehrlich deinem Kind gegenüber! Mache ihm nichts vor; behaupte nicht, “Nein, Mama hat überhaupt keine Angst, wovor denn auch?” Denn eines ist gewiss: Das Kind spürt, dass du lügst; dass du es beruhigen willst; und das verstärkt seine Furcht.

Gib deinem Kind Raum alles auszusprechen, was es bewegt. Beantworte seine Fragen ehrlich, ohne seine Angst zu verstärken. Deine innere Haltung wirkt auf dein Kind viel stärker als das, was da gerade geschieht. Deshalb ist es unendlich wichtig, dass du selbst Gelassenheit, Vertrauen und den Glauben an das Gute in dir stärkst.

Besinnt euch gemeinsam darauf, dass es immer wieder schwere Zeiten gab, es gab Kriege, Naturkatastrophen und tödliche Krankheiten. Aber das Leben ging weiter, sonst wären wir alle heute nicht hier. Es gab Hungersnöte, Geldentwertungen, totalen Mangel, aber das Leben hat gesiegt, sonst wärst du nicht hier. Irgendwie geht es immer weiter!

Sprich mit deinem Kind darüber, dass wir in einer Zeit leben, in der die ganze Welt im Umbruch ist. Nicht nur das Klima ändert sich, auch in der Gesellschaft findet ein tiefgreifender Wandel statt.  Wirtschaftssystem Redet darüber, dass oft Chaos etwas Neues ankündigt, das in die Welt will. Oft muss das Alte zerstört werden, damit Raum für das Neue entsteht. Halte dir und deinem Kind die Metamorphose des Schmetterlings vor Augen: Die Schmetterlingsraupe spinnt sich in einen langen Seidenfaden ein, der einen festen Kokon bildet. In diesem Kokon löst die Raupe sich vollkommen auf in einen Zellhaufen. Innerhalb des Kokons, der Schmetterlingspuppe, herrscht totales Chaos. Erst nachdem die Raupe zerstört ist, bildet sich ein wunderschöner Schmetterling, der schließlich der Puppe entschlüpft. 

Die Metamorphose des Schmetterlings hat viel mit dem Thema Tod zu tun. Viele Eltern werden jetzt zum wiederholten Mal innerhalb von gerade mal zwei Jahren gefragt:

“Mama, müssen wir jetzt alle sterben?”

Wenn dein Kind dieses Thema anspricht, ist das eine gute Gelegenheit, über den Tod zu sprechen. 

Der Tod ist nicht das Ende. Er ist Teil einer Metamorphose; der Übergang in eine andere Daseinsform. Der Tod ist Teil des Lebens; er ist notwendig, damit das Leben fortbestehen kann! Denn das Leben ist je ein Entwicklungsprozess. Gäbe es kein Sterben; keinen Übergang in eine andere Daseinsform, würde alles erstarren, jeder Prozess aufhören. 

Die Natur als Vorbild

Geht so viel und so oft wie möglich gemeinsam in die Natur. Nehmt die Eindrücke in euch auf; beobachtet gemeinsam Tier und Pflanzen. Tiere sorgen sich nicht um ihre Zukunft, sondern sind immer im Hier und Jetzt. Gerade jetzt bejubeln die Singvögel den Frühling! Die Bäume, Sträucher und kleinen Blumenstauden kennen keine Krise; sie tun das, was ihnen vorgegeben ist innerhalb des Jahreslaufs. – Lasst euch anstecken vom Lebenswillen und der Lebensfreude in der Natur; vom Vertrauen der Tiere und Pflanzen.

Das Gute, Schöne und Wahre

Um zu einem seelisch gesunden, fähigen Erwachsenen heranzuwachsen, ist es für alle Kinder außerordentlich wichtig, die Welt auf eine bestimmte Art zu erleben. Ein junges Kind bis zum Schulalter muss erleben können, dass die Welt gut ist.

Gerade jetzt leben wir in Zeiten, in denen wir als  Erwachsene leicht den Glauben an das Gute in der Welt verlieren können. Dennoch gibt es immer wieder soviel Gutes zu entdecken, wenn man danach sucht. 

Ein Schulkind bis etwa zur Pubertät muss das Schöne in der Welt erleben können.  In der Natur gibt es unendlich viel Schönheit zu entdecken.

Für einen Heranwachsenden ab dem Pubertätsalter ist es wichtig zu erleben, dass die Welt wahrhaftig ist. Wo kann man Wahrhaftigkeit finden? Ist es wahr, was die Medien berichten? Sprechen Politiker die Wahrheit? Sind die Lehrer wahrhaftig, also authentisch?

Diese drei Prinzipien bilden mit die Grundlage dafür, wie das Kind als Erwachsener in der Welt steht, wie er seine Rolle in der Welt wahrnimmt. Ist er davon überzeugt, etwas verändern zu können in der Welt? Erlebt er sich als Spielball, der den äußeren Geschehen mehr oder weniger hilflos ausgeliefert ist? Oder ist er davon überzeugt, etwas bewegen zu können, die Welt verändern zu können? 

Vom gedruckten Buch zum E-Book
Bücher

Wissen und Kenntnisse 

Wir wissen nicht, welche Veränderungen auf uns zu kommen. Eines jedoch ist sicher: Die Welt ändert sich gerade rapide. Was gestern galt, gilt heute nicht mehr. Welchen Nutzen haben die 1970er, 1980er, 1990er Generationen heute von ihrem Schulwissen; von Ausbildungs-und Studieninhalten? Welche theoretischen und praktischen Kenntnisse werden unsere Kinder in 20, 30 oder 40 Jahren brauchen? 

Können wird zunehmend wichtiger ist als Wissen. Hier stellt sich die Frage nach der Wahl der Schulform. Die digitale Entwicklung hat in den letzten 20 Jahren ungeheure Fortschritte gemacht; ein Zurück in die vor-digitale Zeit ist undenkbar. Schon längst hat jedes Kind seinen eigenen Minicomputer stets bei sich, mit dessen Hilfe es mit wenigen Klicks das gesammelte Wissen der Welt abrufen kann. Aus welchem Grund soll es Energie darauf verschwenden, einen winzigen Teil dieses Wissens zu lernen; sprich, im Gedächtnis zu speichern? Das Können aller Fähigkeiten ist dagegen etwas, was gelernt und geübt werden muss. Das Können wird vor allem in den Gliedmaßen gespeichert. 

Wissen ersetzt Können niemals! Sicher gibt es im Internet Anleitungen, wie man Schuhe herstellt oder Klavier spielt, aber niemand kann das in der Praxis anwenden, ohne es jemals gelernt und geübt zu haben.

Somit ist die Überlegung, was für Können unsere Kinder wohl in Zukunft brauchen. Dabei sollten handwerkliche Fähigkeiten ganz vorne stehen! Ein Möbelstück schreinern zu können, Kleider herstellen zu können, gärtnern zu können – eigentlich alle Fähigkeiten, die unsere Vorfahren schon vor tausenden von Jahren ausgeübt haben, sind mit Sicherheit nicht verkehrt.

Zeit zum träumen

Wieviel freie Zeit hat dein Kind? Die Frage ist nicht, wie viel Freizeit es hat, sondern wie viel freie, das heißt unverplante Zeit. Ich beobachte seit Jahren mit Besorgnis, dass der Alltag unserer Kinder immer voller, immer verplanter wird. Sport, Hobbies, Musikunterricht, Arbeitsgemeinschaften sind wunderbare Beschäftigungen. Aber ab wann ist es zuviel? Bleibt noch genug Raum für den besten Freund oder die besten Freunde? In der Kindheit Freundschaften zu pflegen ist ganz wichtig, um auch später soziale Beziehungen pflegen zu können. 

Vor allem hochsensible Kinder und Jugendliche brauchen nicht nur mehr Zeit und Rückzug für sich, um alle Eindrücke zu verarbeiten; sondern auch mehr Zeit, den eigenen Gedanken und Phantasien nachzuhängen. Achte darauf, dass deinem Kind genügend Zeit und Freiraum bleibt, um zu phantasieren, denn damit entwickelt es seine Intuition. 

Vertraue der Intuition deines Kindes!

*Dieser Beitrag ist ein Auszug aus meinem Buch „Hochsensible Kinder und Jugendliche“, das im März 2022 als erweiterte Neuauflage erschien:

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