Hochsensibilität allgemeinHochsensibilität und BeziehungenTrauma und Hochsensibilität

Narzissmus im Märchen

Veröffentlicht
Maerchenbuch
Lesezeit ca: 6 Minuten
  • New tab
Jutta AdministratorKeymaster
Mein Name ist Jutta Jorzik-Oels, als Berater und Coach bin ich spezialisiert auf Hochsensibilität. Ich helfe hochsensiblen Menschen in Krisensituationen.

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“

Klassischer kann man keinen grandiosen Narzissten beschreiben. Jeder hat sicherlich irgendwann mal das Märchen von Schneewittchen gehört oder gelesen, eines der bekanntesten Märchen der Gebrüder Grimm. (Schneewittchen)

Aber in diesem Volksmärchen steckt viel, viel mehr  über pathologischen Narzissmus als nur die böse Stiefmutter!

Ich liebe Märchen seit meiner Kindheit, vor allem die alten Volksmärchen, denn in ihnen sind so viele Weisheiten enthalten! Bei Gelegenheit setze ich sie auch sehr gern im Coaching ein.

 

Das Märchen als Bild

Die Volksmärchen, die über Jahrhunderte mündlich weitergegeben wurden, sind Bilder für seelische Entwicklungen. Die klassischen Märchenfiguren stellen Anteile der Seele dar. So ist z.B. die Prinzessin die Seele auf ihrem Entwicklungsweg, König und Königin die alten, oft von Vorfahren vererbten Anteile. Die Stiefmutter ist wie auch die Hexe (- oft stellt sich heraus, dass die Stiefmutter eine böse Hexe ist -) etwas Fremdes, was einem begegnet; das kann ein Trauma sein, ein Schicksalsschlag; etwas, was einen von seinem Weg abbringt. Der Prinz ist das fehlende Element, dass die Seele – die Prinzessin, braucht, um sich vom Alten zu befreien. ( „Sie stiegen in die Kutsche des Prinzen und fuhren heim in sein Reich.“ ) Elementarwesen können die Intuition sein oder das uralte, verborgene Wissen der Ahnen.

Wenn man die Märchenbilder auf sich wirken lässt, bieten sie nicht nur Erklärungen für einen Entwicklungsweg, sondern auch oft überraschende Lösungsansätze.

 

Schneewittchen

Was berichtet nun das Märchen von Schneewittchen über die Narzisstische Persönlichkeitsstörung?

 

Die narzisstische Königin

„Die Königin sass am Fenster und nähte…. Und weil das Rote im weißen Schnee so schön aussah, dachte sie bei sich: „Hätte ich ein Kind so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie das Holz an dem Rahmen.“ Bald darauf bekam sie ein Töchterlein. Und da es so aussah, wie es die Königin gewünscht hatte, wurde es das Schneewittchen genannt.“

Das ist ein narzisstischer Wunsch: …Weil das Rote im Schnee so schön aussah… Es heisst nicht: Die Königin wünschte sich ein Kind, wie so oder so ähnlich viele Märchen beginnen. Nein, der ästhetische Anblick weckt den Wunsch nach einem solchen Töchterlein – nicht nach einem Kind, gleich ob Sohn oder Tochter.

Schneewittchen war willkommen, weil sie die Anforderungen der Mutter erfüllte, und nicht um seiner selbst willen.

 

Der co -narzisstische Vater

Dann starb die Mutter. Der Vater, der König, wird nur ein einziges Mal erwähnt: Er nahm sich eine neue Frau. Die wird gleich als maligne Narzisstin beschrieben: Sie war eine schöne Frau, aber sie war stolz und konnte nicht leiden, dass sie an Schönheit von jemandem übertroffen werden sollte.

Wieder wählt der Vater eine narzisstische Partnerin! Und noch dazu eine, von der er annehmen muss, dass deren Narzissmus sich gegen sein Kind richten wird. Offensichtlich ist er nicht in der Lage, die Interessen seines Kindes zu wahren. Das zeigt sich auch später, als die böse Stiefmutter Schneewittchen töten will. Er greift nicht ein, beschützt sein Kind nicht.

Das ist typisch für Partner von malignen Narzissten, die oft so paralysiert sind, dass sie es nicht schaffen, die Bedürfnisse ihrer Kinder wahrzunehmen.

 

die narzisstische Königin
pathologischer Narzissmus

Schneewittchen als ideales Opfer

Wenn man sich die Informationen des Märchens bis dahin, als die Stiefmutter das erste Mal den Spiegel befragt anschaut, betrachtet, wird deutlich, warum Schneewittchen zum Opfer werden konnte: Von der Mutter schon von der Empfängnis an als Erfüllung eines narzisstischen Wunsches instrumentalisiert, mit einem Vater, der keinerlei Vaterfunktion erfüllt, sondern offensichtlich den Co-Narzissmus vorlebt. Hilflos ist Schneewittchen der bösen Stiefmutter ausgeliefert.

Nach dem Anschlag auf ihr Leben landet sie schliesslich bei den sieben Zwergen, und dort sollte es ihm an nichts fehlen.

Aber die Zwerge, die Intuition, warnen Schneewittchen von Anfang an vor den Nachstellungen der bösen Narzisstin. Schneewittchen ahnte, dass diese keine Ruhe geben würde, bis sie ihr Ziel erreicht hätte: Schneewittchen zu zerstören.

 

Schneewittchens eigene, übernommene narzisstische Anteile

Warum öffnete sie dennoch der Marktfrau das Fenster und erkannte nicht die narzisstische Maskerade? Und warum nahm sie den bunten Schnürriemen von ihr an?

Die böse Narzisstin weckte Schneewittchens Eitelkeit, Schneewittchen  konnte nicht widerstehen. – Es wurde bereits mehrmals erwähnt, dass Schneewittchen sehr schön war.  Schönheit war der wichtigste Wert der narzisstischen Stiefmutter, deswegen verfolgte sie ja die Stieftochter als Konkurrentin. So hatte Schneewittchen von Kindheit an gelernt, dass Schönheit ein grosser Wert ist.

Die narzisstische Stiefmutter wiederum hatte instinktiv diese Schwäche in Schneewittchen erkannt und für sich genutzt: Schneewittchen fiel auf das Angebot der Marktfrau herein.

Diesmal kann Schneewittchen gerettet werden, die Kräfte der Ahnen kommen zu Hilfe.

Nun muss sich doch jeder fragen: Warum um Himmels willen fällt sie noch ein zweites Mal auf diese Narzisstin herein? Und wieder geht diese nach demselben Muster vor, wieder nutzt sie Schneewittchens Eitelkeit.

Schneewittchen kann nicht anders als annehmen, obwohl sie noch einmal dringend gewarnt wurde. Sie hat es nicht gelernt, „nein“ zu sagen zu scheinbarer Freundlichkeit.

Wieder erholt sie sich von dem Anschlag. Die böse Narzisstin aber weiss nun, dass sie mit diesem Muster nicht wirklich etwas erreicht. Nun vergiftet sie einen Apfel, aber nur zur Hälfte.

Und Schneewittchen erhört die Narzisstin ein drittes Mal. Aber sie ist vorsichtiger geworden, ist misstrauisch. Dieses Mal rechnet sie mit etwas Bösem. Erst, als sie sieht, dass die Narzisstin in der Maske der Bauersfrau selbst in den Apfel beisst, nimmt sie die andere, die giftige Hälfte des Apfels als Geschenk.

 

Narzissmus im Märchen

 

Die Befreiung vom narzisstischen Trauma

Dieses Mal hat die Narzisstin ihr Ziel erreicht: Das Opfer ist zerstört.

Schneewittchen ist seelisch tot, vollständig paralysiert. Immerhin gibt es tief verborgen in ihr etwas, was nicht aufgeben will. Aber es fehlt ihr die Kraft, sich aus ihrer Opferrolle zu befreien; zum Leben zurückzukehren.

Schliesslich kommt ein Prinz und will Schneewittchen mitnehmen = befreien. Er bietet den Zwergen alles Mögliche an, wenn sie ihm nur den Sarg überlassen. Aber die Zwerge wollen nicht.

Aber jetzt kommt Liebe ins Spiel. Der Prinz – Schneewittchens eigener Seelenteil – will Schneewittchen nicht kaufen = als Tauschware handeln; sondern bittet, sie ihm zu schenken – bedingungslos. Die Zwerge – die Intuition – erkennt die bedingungslose Liebe als Kraft und schenken Schneewittchen dem Prinzen. Sie wissen, dass die Entdeckung der bedingungslosen Liebe der Weg zur Erlösung ist. So können die beiden Anteile sich verbinden. Der erste Schritt zur Heilung ist getan.

Nun kann der Prinz Schneewittchen forttragen. Aber Schneewittchen ist nach wie vor vollständig paralysiert.

Da stolpern die Diener mit dem Sarg, was zu einer heftigen Erschütterung führt. Durch diese Erschütterung löst das Apfelstück sich und Schneewittchen wacht auf.

Was ist passiert? Etwas wurde in Gang gesetzt, was eine neue Erschütterung auslöst. Dadurch wurde das traumatische Ereignis, was zur Paralyse geführt hatte, wieder hervorgeholt und verarbeitet. Vielleicht hat auch die „lange Zeit“, die Schneewittchen unverändert im Sarg gelegen hatte, eine Rolle gespielt?

Nun ist Schneewittchen bereit, dem Prinzen in sein Reich zu folgen und seine Frau zu werden ( – sich endgültig mit dem heilen Seelenanteil zu verbinden und mit dem Alten abzuschliessen. – )

Aber das Märchen ist hier noch nicht zu Ende!  Ein Schritt fehlt noch zur endgültigen Heilung.

 

Die Heilung

Die böse Stiefmutter wird zur Hochzeit eingeladen.  Die Konfrontation mit der Narzisstin wird bewusst herbeigeführt.

Und diesmal geht diese in ihre eigene Falle: Ihrer Eitelkeit. Sie muss der Einladung Folge leisten, um die junge Königin, die so viel schöner ist als sie, zu sehen.

Ihre Macht ist gebrochen in dem Moment, als sie Schneewittchen erkennt; als sie versteht, dass Schneewittchen die Königin = Herrscherin ihrer selbst ist, und kein manipulierbares Opfer mehr.

Sie muss nun die rotglühenden Schuhe anziehen und sich zu Tode tanzen.

Die Farbe rot steht für Wut, Aggression; auch Kraft und Willensstärke. Kann man dieses Bild so verstehen, dass sie sich in ihren eigenen unerlösten Hass- und Wutgefühlen verbrennt?

Interessant ist, dass sie durch ihr eigenes Handeln umkommt. Der pathologische Narzisst geht letztlich an seinem Narzissmus zugrunde.

 

Was lehrt dieses Märchen?

Zunächst mal, wie in der Kindheit – oder besser, schon in der Schwangerschaft! – die Disposition für die Opferrolle gelegt wird.

Weiter, dass Narzissten sich die Schwächen des Opfers zunutze machen, um ihn zu manipulieren und zu beherrschen. (Hätte Schneewittchen auch zugegriffen, wenn die Marktfrau ihr einen Besen hätte verkaufen wollen? Oder einen Kochtopf?) Narzissten spiegeln wie ein Zerrspiegel auch deine Schwächen!

Dann, drittens, dass jemand, der zum Opfer eines Narzissten geworden ist, diesem immer wieder auf die Schliche geht. Es ist wie eine Sucht – das Opfer kann nicht anders, trotz besseren Wissens. Im Zweifelsfall geht das so weiter bis zur vollständigen seelischen Zerstörung. Diese Paralyse erlebt man leider häufig.

Persönlich finde ich am lehrreichsten die Passage über die Erlösung: Liebevolles Verhalten Dritter, gut zureden etc hilft kein bischen. So sehr die Zwerge weinen, Schneewittchen bleibt tot.

Viele misshandelte Partner von Narzissten sind sich bewusst, dass ihnen die Kraft fehlt, den Partner zu verlassen. Sie wünschen sich zutiefst, dass ein Prinz auf einem weissen Pferd kommt, sich auf der Stelle in sie verliebt, sie auf sein Pferd nimmt und mit ihnen davon reitet; fort von dem bösen Narzissten.

Nein, der Prinz allein hat Schneewittchen nicht gerettet. Es war ein Schock; ein erneutes Trauma, das sie zum Leben erweckte!

Fünftens und letztens: Dass es mit der Befreiung vom Narzissten allein noch nicht getan ist. Der letzte Schritt ist die Konfrontation – die Auseinandersetzung mit dem Narzissmus. Das Durchschauen und Verstehen der narzisstischen Mechanismen.

Sicher gibt es noch mehr und andere Deutungsmöglichkeiten.

 

Narzissmus ist so alt wie die Menschheit

Es ist erstaunlich, wie viele bekannte Märchen es in der Sammlung der Gebrüder Grimm gibt, die auf vielerlei Weise davor warnen, dem äusseren Anschein zu trauen.

Um nur zwei zu nennen: Rotkäppchen, die auch zweimal auf den Wolf hereinfiel: Einmal im Wald, als sie seinen freundlichen Worten glaubte; und dann in der Hütte der Grossmutter, als sie seine Maskerade nicht durchschaute.

Hänsel und Gretel, die vertrauensselig der bösen Hexe ins Haus folgen.

 

Es gibt immer eine Lösung

Hänsel und Gretel zeigen ebenfalls eine überraschende Lösung aus ihrer lebensgefährlichen Gefangenschaft bei der Hexe. Auch hier kommt kein Retter, der sie befreit. Jammern und Weinen hilft ihnen nicht. Sondern Mut – und Schlauheit. Gretel überlistet die Hexe und stösst sie dann mutig in den Ofen, wo sie verbrennt.

Gretel hat offensichtlich keine Angst, der Hexe weh zu tun! (Wieviele misshandelte Partnerinnen von Narzissten wehren sich zwar; aber vermeiden doch, den Partner gezielt zu verletzen?) Durch Gretels Mut verbrennt die Hexe. Beim Verbrennungsprozess wird jede Struktur aufgelöst, es findet ein vollständiger Transformationsprozess statt.

Eines meiner Lieblingsmärchen mit einem äusserst überraschenden Lösungsansatz ist

 

Die Bremer Stadtmusikanten
Die Bremer Stadtmusikanten

 

Die Bremer Stadtmusikanten

Vier Tiere werden von ihren Besitzern davongejagt oder sollen getötet werden, weil sie zu nichts mehr Nutze sind, nachdem sie ihren Herren jahrelang treu gedient haben.

Die Bremer Stadtmusikanten

Auch hier ist Narzissmus im Spiel: Typisch für Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung ist, dass sie keine tiefe gefühlsmässige Bindung eingehen, Menschen lediglich für ihre Zwecke benutzen und sich ihrer entledigen, wenn diese ihren Zwecken nicht mehr dienen.

In diesem Märchen tun sich vier Tiere zusammen, die unterschiedlicher kaum sein könnten:  Ein Esel, ein Hund, eine Katze, ein Hahn. Sie beschliessen, gemeinsam zu fliehen und eine Musikgruppe zu gründen. Schon allein die Idee einer Freundschaft dieser unterschiedlichen Tiere klingt absurd; noch absurder diese Idee, zusammen zu musizieren!

Was ich daraus lerne: Erwäge in schwierigen Situationen auch die unmöglichsten Ideen!

Eine Kernaussage der Bremer Stadtmusikanten ist:

 

Etwas Besseres als den Tod findest du überall

Auch der Fortgang ist überraschend. Denn die Protagonisten landen niemals dort, wo sie hinwollten, und setzen niemals ihre Pläne um. Denn sie kommen an ein Räuberhaus, verjagen die Räuber, besetzen dann kurzerhand das Haus und beschliessen, dort zu bleiben und „sich’s wohlgehen zu lassen“.

Was sagt uns das?

Habe Pläne und verfolge sie. Aber halte nicht zwanghaft fest an ihnen!

Wenn etwas Unerwartetes geschieht, reagiere darauf; ändere deine Pläne! Vielleicht begegnet dir ja auf dem Weg zur Umsetzung etwas viel Besseres als da, was du ursprünglich geplant hattest!

Über dieses wunderbare Märchen liesse sich aber noch viel mehr sagen. Warum gerade diese Tiere? Wofür  stehen sie? Warum nicht beispielsweise ein Pferd, eine Kuh, ein Schwein und ein Schaf? Und welche Bedeutung hat die Räuberbande? Das würde hier jetzt zu weit führen. Nur soviel noch:

Die Bremer Stadtmusikanten sind ein wunderbares Märchen für Menschen, die in einer toxischen Beziehung feststecken und sich nicht lösen können. Der Grund dafür ist immer Angst: Zum Beispiel die Angst dass sie alleine nicht lebensfähig sind. Aber:

„Etwas Besseres als den Tod findest du überall.“

 

Märchen im Selbstcoaching

Wenn du Märchen magst, sind sie ein wunderbares Mittel, dich selbst in einer Krisensituation zu coachen.

Nimm dir ein Märchenbuch und sieh, welches Märchen dich anspricht. Welcher Titel zieht dich an? Lies einige Sätze und horche in dich hinein, ob dich das fesselt. Wenn du so dein Märchen gefunden hast, lies es in Ruhe. Dann noch einmal, aber mit lauter Stimme: Lies es dir selbst vor! Lasse die Bilder auf dich wirken. Was lösen die in dir aus? Welche Assoziationen kommen dir dazu?

Vor allem längere Märchen mit langer Handlung (Brüderchen und Schwesterchen, Die sechs Schwäne) enthalten so viele verschiedene Bilder, dass du sie wiederholte Male lesen solltest. Beschäftige dich eine Zeitlang mit dem Märchen.

Wenn du mit Grimm’s Märchen arbeitest, was ich empfehle, achte darauf, die Originalfassung zu lesen, keine gekürzte oder modernisierte Fassung; denn die ergeben unstimmige Bilder, oft werden wesentliche Elemente weggelassen.

Es gibt auch wunderbare Kunstmärchen; aber nicht alle enthalten echte Bilder, die speziell fürs Coaching geeignet sind.

 

Wenn du weitere Hilfen brauchst, sieh dir mein Angebot an und buche ein (kostenloses) Kennenlern-Gespräch.

 

Auch in meinem Buch findest du Tipps, was du tun kannst, wenn du in einer narzisstischen Beziehung bist:

 

Schreibe gerne einen Kommentar! Dafür weiter runterscrollen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.