HochsensibilitätLeben als Hochsensibler Mensch

Ein seltsamer Vogel

Über das Leben als Hochsensibler oder: Nichts ist so, wie es scheint.

Ein Gastbeitrag von Andreas Körner

 

Eine Fabel aus dem Vogelreich

„Los geht‘s, Abflug!“ gab die Leitgans das Signal zum Aufbruch, und ein vielstimmiges, zustimmendes Geschnatter ertönte von der Gänseschar, die sich für ein paar Tage am Ufer eines großen Gewässers niedergelassen hatte, um Kraft für den Weiterflug zu tanken. „Ja, sie hat recht“, erklang es aus vielen Schnäbeln. „Sonst erreichen wir unser Ziel ja nie.“ – Einzig ein einzelner, einsamer Vogel, den sie völlig erschöpft an ihrem Rastplatz vorgefunden hatten, machte keine Anstalten, seine Flügel zu regen, sondern blieb reglos und hoffnungslos sitzen. „Ich kann nicht mehr und will nicht mehr, denn ich bin schon so lange unterwegs, ohne dass ich irgendwo ankam. Und ich weiß auch gar nicht, wie ich mit Euch mithalten soll.“ „Ach, wir sind alle ein bisschen müde von der weiten Reise; aber es hilft doch alles nichts. Also los, Flügel ausgebreitet und los!“ riefen sie ihm verärgert zu. Und „So ein Ansteller … komischer Vogel“ tuschelten einige unter sich.

Doch je mehr sie in ihn drangen und ihn anfeuerten, umso mehr nahm seine Erstarrung zu, so dass sie sich schließlich entnervt abwandten „Wenn der sich nicht endlich aufrappelt, können wir ihm auch nicht helfen. Wahrscheinlich ist der einfach zu faul und bequem zum Fliegen. Kein Wunder, dass er so fett ist.“ Und so erhoben sich auch noch die letzten der Gänse und folgten ihrer Schar. Der einsame Vogel blieb traurig zurück. Denn eigentlich suchte er Gefährten, die ihm halfen, seinen Weg zu finden, den er vollkommen aus den Augen verloren hatte. Nach all den Strapazen erinnerte er sich schlichtweg an gar nichts mehr. Und mit den Aufforderungen der Wildgänse, seine Flügel zu spreizen und einfach loszufliegen, konnte er beim besten Willen nichts anfangen. So fühlte er sich nicht nur einsam, sondern auch unverstanden in seiner Not. Das raubte ihm nach der Kraft auch noch jeglichen Lebensmut, und so bereitete er sich darauf vor, sein Leben an jenem Ufer zu beschließen.

Da ließ sich eine weise Eule bei ihm nieder; der klagte er all sein Leid. Die Eule hörte ihm lange aufmerksam zu, und nachdem er geendet hatte, schaute sie ihn sehr nachdenklich und auch traurig an, denn sie konnte gut die Verzweiflung spüren, die tief in ihm steckte, und diese rührte sie an. Doch sie spürte noch etwas anderes, nämlich dass viele Fähigkeiten in diesem Vogel steckten, die sie allerdings nicht so richtig benennen konnte. Als Eule konnte sie zwar gut in die Tiefe blicken, doch dass ein Vogel nicht fliegen könnte, diese Vorstellung war ihr ebenso fremd wie den Wildgänsen.

Trotzdem ermutigte sie den Vogel, diese seine besonderen Fähigkeiten zu ergründen, und das gab ihm wieder ein bisschen Hoffnung. Und als er selbst ganz lange und tief in sich hineinhorchte, da konnte er tatsächlich plötzlich auch wieder etwas von dem spüren, was die Eule gemeint hatte, und das gab ihm neuen Mut. Er erinnerte sich endlich wieder, dass er zwar nicht fliegen, dafür aber prima schwimmen und tauchen konnte. Er war irgendwie in der falschen Umgebung gelandet, hatte sich an den falschen Aufgaben abgemüht und war darüber schier zugrunde gegangen. Nun hatte er endlich verstanden, dass er den Weg zurück in seine eisige Heimat suchen müsse; das war dem Pinguin dank der weisen Eule endlich klar geworden. Er wusste zwar noch nicht genau, wie er dorthin finden sollte. Doch vielleicht hatte das Gewässer vor ihm ja eine Verbindung zum Meer. Oder vielleicht würde er auch einen Adler finden, der ihn einen Teil seines Wegs tragen könnte. Wenn er erst einmal den Ozean erreicht hätte, wäre er ja wieder in seinem Element, so dass er den Rest des Wegs dann sicherlich alleine schaffen würde.

 


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4 Gedanken zu „Ein seltsamer Vogel

  1. Liebe Jutta, Du und das Thema haben mich nicht mehr losgelassen und so habe ich auch Deine Webseite besucht. Wow, gratuliere, schlicht, gut aufgebaut und einfach schön und hoch interessant. Ich frage mich, weshalb ich erst heute auf dieses Thema und Dich gestossen bin. Ich hättte schon viele Jahre früher Bedarf gehabt an Coaching/Beratung exakt zu diesem Thema. Aber erst in den letzten Monaten – ebenfalls durch ein Coaching – erfuhr ich, dass ich einer dieser Hochsensiblen bin. Das erklärt mir nun vieles und ich bin glücklich und froh, endlich konkret an diesem Thema arbeiten zu dürfen.
    Ich wünsche Dir mit Deiner Arbeit viel, viel Erfolg und hoffe, dass Deine Mission noch viele Menschen erreichen wird.

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