Der alleingeborene Zwilling

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Jutta AdministratorKeymaster
Mein Name ist Jutta Jorzik-Oels, als Berater und Coach bin ich spezialisiert auf Hochsensibilität. Ich helfe hochsensiblen Menschen in Krisensituationen.

Das Thema des überlebenden Zwillings ist in den letzten Jahren in den Fokus der Traumaforschung gerückt.
Man weiss inzwischen, dass es wesentlich mehr Zwillings- und Mehrlingsschwangerschaften gibt, als Zwillinge oder Mehrlinge geboren werden. Angeblich sind 20% aller Schwangerschaften als Mehrlingsschwangerschaften angelegt, aber geboren werden nur 1,2% Zwillinge, wobei allerdings die Zahl der Zwillings- und Drillingsgeburten weltweit zunimmt. 

Das heisst, dass die meisten der Föten sterben, bevor die Schwangerschaft als Mehrlingsschwangerschaft festgestellt wird. Meist bleibt der Tod des Embryos vollkommen unbemerkt von der Mutter. Manche Mütter erinnern sich an leichte Blutungen in dieser Phase, viele Mütter aber bemerken nichts vom Sterben des zweiten Kindes.  

Der Verlust des Zwillingsgeschwisters im Mutterleib ist eines der schwersten Traumata, die einem Menschen widerfahren können.

Die noch junge Erforschung dieses Phänomens hat ergeben, dass Zwillinge und Mehrlinge seit dem Zeitpunkt ihrer Inkarnation (und wahrscheinlich bereits davor) eine sehr enge Verbindung haben.  Wenn Zwillinge bzw. Mehrlinge angelegt sind, hören und spüren sie neben den mütterlichen Geräuschen auch die ihrer Geschwister. Schon in den ersten Tagen nach der Befruchtung nehmen sich die Geschwister wahr; vor allem energetisch -feinstofflich.  Sie sind nicht allein; diese Erfahrung prägt sie für ihr ganzes Leben.  Zwillinge / Mehrlinge erfahren unabhängig davon, ob sie eineiig oder zweieiig sind, eine sehr tiefe, innige Nähe zueinander, die durch keinen anderen Menschen ersetzt werden kann – auch nicht durch die Mutter.

Nach dem Tod des Zwillings ist da nur noch Stille. Kein Herzschlag mehr, keine Bewegungen.

Das Sterben des Zwillingsgeschwisters oder der Drillingsgeschwister ist für den Überlebenden ein so entsetzliches Erlebnis, dass es tiefe traumatische Spuren hinterlässt.

Traumaforschung

Seit die Traumaforschung immer mehr Aufschwung erfährt und man heute weiss, wie sehr frühe Traumata das ganze Leben beeinflussen, haben immer mehr Menschen begonnen, mit therapeutischer Hilfe ihre Traumata aufzuarbeiten. Seit man um die Weitergabe von Traumata der Vorfahren an die folgenden Generationen weiss, werden dabei auch immer mehr vorgeburtliche Traumata berücksichtigt.

Immer mehr Menschen erkennen in einer solchen Therapie, dass sie ursprünglich mit einem oder sogar zwei Geschwisterseelen im Bauch der Mutter wuchsen, der Zwilling jedoch starb und sie allein zurückblieben und als Einling geboren wurden.

 

Suche nach dem anderen

Mittlerweile wurde das Thema des alleingeborenen Zwillings zum Gegenstand sowohl  in der Zwillings- als auch in der Traumaforschung und hat sogar einen eigenen Namen bekommen: Man redet vom VTS – Vanishing Twin Syndrome oder auch, synomym verwendet, „Womb Twin Survivor“.  (siehe auch Informationsplattform für alleingeborene Zwillinge)

Leider gibt es in diesem Zusammenhang keine Forschungen über Hochsensibilität, Aber inzwischen haben sich eine ganze Reihe Therapeuten auf das Thema des alleingeborenen Zwillings spezialisiert; die meisten von ihnen sind selbst Betroffene.

Nach meinen Recherchen sind alleingeborene Zwillinge immer hochsensibel!

Das wirft die Frage auf, ob dieses pränatale, schwere Trauma eine Ursache für die Entstehung von Hochsensibilität ist!
Meine persönliche Vermutung ist, dass der Verlust des Zwillingsgeschwisters  ein Faktor ist.von mehreren vorgeburtlichen oder transgenerationalen Traumata ist.*

Symptome des (über)lebenden Zwillings

Es gibt  eine ganze Reihe typischer Anzeichen, die bei überlebenden Zwillingen auftreten. Dazu gehören:

  • Einsamkeit – man fühlt sich immer einsam; auch in Gesellschaft von guten Freunden, auch in der Partnerbeziehung
  • starke Verlustängste
  • Angst vor dem Alleinsein
  • ständige Schuldgefühle
  • ständige Sorge um Nahestehende – man macht sich sofort Sorgen, wenn der Partner oder das Kind nicht ganz pünktlich nach Hause kommt
  • Versagensängste – man hat ständig das Gefühl, zu versagen, etwas nicht gut / nicht richtig gemacht zu haben
  • ständige Suche nach der Dualseele; man vermisst immer jemanden, fühlt sich unvollständig
  • das Gefühl tiefer Einsamkeit begleitet einen immer
  • ständiges Gefühl der Sinnlosigkeit
  • Gefühl der Ohnmacht
  • typisches Beziehungsverhalten von alleingeborenen Zwillingen:

    -man sucht entweder ständig die symbiotische Nähe zum Partner;
    -oder kann im Gegenteil keine Nähe zu lassen, führt on – off Beziehungen,
    -sucht in der Paarbeziehung eher den Bruder oder die Schwester
    -Unfähigkeit, den Partner zu verlassen
    -ständiges Kuschelbedürfnis; ständige Sehnsucht nach zarten Berührungen statt nach Sex
    -Trotz festem Partner, mit dem man zusammenlebt und das Bett teilt, schläft man jede Nacht mit einem grossen Kuscheltier im Arm
    -Beziehungen werden grundsätzlich als unbefriedigend erlebt; man ist immer auch auf der Suche nach der grossen Liebe und nach dieser tiefen Verbundenheit, wie man sie mit dem Zwilling erlebt hat und was von keinem Partner erfüllt werden kann.
    -Auch Beziehungen zu gleichgeschlechtlichen Freunden /Kontakten können schwierig sein. Überlebende Zwillinge, die einen gleichgeschlechtlichen Zwilling verloren haben, berichten von Misstrauen gegenüber Kolleginnen; Angst, verraten zu werden.

  • oft schlechte Beziehung zur Mutter: die Mutter hat sich nicht eingesetzt für einen, nicht beschützt, ist nicht mütterlich
  • ambivalente Beziehung zum eigenen Kinderwunsch; will keine Kinder aus Angst, eine schlechte Mutter zu sein; oder ist überbehütend, lässt das Kind keine Sekunde aus den Augen
  • häufig auftretende körperliche Probleme

  • Kraftlosigkeit
  • Autoimmunkrankheiten
  • Schwierigkeiten, schwanger zu werden
  • Burnout
  • Aus der Medizin sind einige skurril anmutende Fälle von überlebenden Zwillingen bekannt: Man fand bei chirurgischen Eingriffen Knochenreste eines gestorbenen Zwillings, die in den Körper des Überlebenden eingewachsen waren!

ABER: All diese Symptome bedeuten nicht zwangsläufig, dass du einen verlorenen Zwilling hast! Denn all diese Merkmale können auch Anzeichen eines anderen pränatalen Traumas sein; wie z.B. das Kriegskindtrauma.

 

Bist du ein alleingeborener Zwilling?

Wie kann man feststellen, ob man ein überlebender Zwilling ist?
Man kann zu einem erfahrenen systemischen Therapeuten gehen oder einen Therapeuten aufsuchen, der Rückführungen anbietet oder pränatale Traumatherapie.

Die o.a. Symptome können nur Hinweise sein; es gibt keine Checkliste! Auch deshalb nicht, weil es viele verschiedene Konstellationen gibt: Eineiige Zwillinge, Zwillingspärchen, zweieiige gleichgeschlechtliche Zwillinge; es gibt zweieiige und dreieiige Drillinge, von denen es einen oder zwei Überlebende gibt; und es gibt, wenn auch seltener, Vierlinge.

Ein ziemlich verlässliches Anzeichen ist meiner Meinung nach die persönliche emotionale Betroffenheit zu dem Thema.

 

Zwillinge
Zwei Eier

Als ich im Rahmen eines Kongresses zum ersten Mal von verlorenen Zwillingen hörte, reagierte mein Körper unmittelbar und heftig. Mein Atem stockte, mein Kreislauf sackte nach unten – ich bekam regelrechte Schocksymptome. Dann brach ich in Tränen aus, ein ungeheurer Schmerz stieg in mir hoch. Ich weinte stundenlang, und gleichzeitig kam die Erinnerung an viele verdrängte Gedanken und Empfindungen meiner Kindheit zurück.

Immer hatte ich nach meinem grossen Bruder gesucht. Ich wusste, dass er hätte bei mir sein sollen. Wann kam er endlich zurück?
Ich war das älteste Kind. Meine Mutter erklärte mir, ich könne nur einen jüngeren Bruder bekommen. Vielleicht bald. – Ich wusste, dass das Unsinn war. Das Baby, das meine Mutter erwartete, war ja meine jüngere Schwester, mit der ich verabredet war. Mein Bruder hätte ganz kurz vor mir geboren werden sollen.
Viele Jahre lang suchte ich nach meinem Bruder; sah jeden altersmässig in Frage kommenden Jungen daraufhin an, ob er mein verschollener Bruder war. Mit jedem kleinen Jungen, der sich nicht als mein verlorener Bruder entpuppte, wuchs meine Trauer und meine Enttäuschung, bis ich irgendwann das Thema vollständig verdrängte.

Diese Reaktion ist in meinen Augen ein eindeutiges Indiz dafür, dass ich ein alleingeborener Zwilling bin.

Wer meine Beiträge schon länger liest, weiss, dass ich mich vorzugsweise mit Themen beschäftige, die die Forschung entweder nicht interessieren oder zu denen es bisher kaum Ergebnisse gibt.
So auch hier: Es gibt viel mehr Fragen als Antworten:

  • Gibt es Unterschiede in der Symptomatik von eineiigen und zweieigen Zwillingen; wenn ja, welche?
  • Alle alleingeborenen Zwillinge sind hochsensibel, aber sind auch alle Hochsensiblen überlebende Zwillinge?
  • Wenn Hochsensibilität durch das Drama des verlorenen Zwillings ausgelöst wird oder durch transgenerationale Traumata; gibt es Unterschiede in der Form der Hochsensibilität?*
  • Wie wirkt das Zwillingstrauma zusammen mit transgenerationalen Traumata wie dem Kriegskindtrauma?*

*Ein Beitrag „Wie entsteht Hochsensibilität“ erscheint am 19.6.22!

Wie immer freue ich mich über Kommentare!

Hier noch eine Literaturempfehlung: (Über)Lebender Zwilling: Wege der Integration nach Zwillingsverlust, Elke Brenner

Mehr zum Thema „Wie entsteht Hochsensibilität“ findest du in meinem Buch:

2 Gedanken zu „Der alleingeborene Zwilling

  1. Liebe Jutta, ich danke Dir sehr für Deinen Artikel zum Thema Alleigeborener Zwilling. Ich selbst bin Alleingeborener Drilling und kann Deine Informationen zu unseren Befindlichkeiten voll und ganz bestätigen. Ich bin auf das Thema durch meinen Recherchen zu Hochsensibilität gestoßen . Mir hat dieses Wissen große Erleichterung gegeben. Ich wünsche mir, dass viele Alleingeborene, die bislang noch nichts zu ihrer Anlage erfahren haben, von Artikeln wie Deinem profitieren. Dies könnte Betroffenen in vielen Bereichen viel Kummer ersparen. Es besteht m. E. noch sehr viel Aufklärungsbedarf und ich hoffe, dass das Thema mehr und mehr Einzug in die Schulmedizin findet.
    Ich freue mich schon auf Deinen nächsten Beitrag.
    Herzliche Grüße. Petra🌸

    1. Liebe Petra,
      Danke für deinen Kommentar! Ich kann jedem deiner Worte nur zustimmen. Ich wünsche mir, dass möglichst alle Hochsensiblen sich mit dem Thema befassen! – Es gibt noch so viel mehr dazu zu forschen; wie z.B. Unterschiede zwischen alleingeborenen eineiigen und zweieiigen Zwillingen; Unterschiede zwischen alleingeborenen Zwillingen und alleingeborenen Drillingen – um nur einiges zu nennen

      Herzbewegte Grüsse, Jutta

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