HochsensibilitätHochsensibilität im Alltag

Über den Wahrnehmungsprozess von Hochsensiblen

Hochsensible Menschen nehmen anders wahr. –  Wie – anders?  Nehmen sie intensiver wahr?

Auch das; oft nehmen sie mehr Einzelheiten wahr als Normalsensible.

Mehr Einzelheiten im Gesamten? Halt – das bedeutet, es handelt sich um eine ganze Anzahl verschiedener Wahrnehmungen! – Denn im Leben prasseln immer eine riesige Menge verschiedener Reize zugleich auf uns ein. Welche dieser Reize wahrgenommen werden, das heisst bis in unser Bewusstsein gelangen, das  liegt an der  mehr oder weniger ausgeprägten Filterfunktion des Thalamus.

 

Im Garten

Ein Garten mit Bäumen - siehst du das Ganze oder achtest du mehr auf Einzelheiten?
Garten

 

Die Reize, denen verschiedene Menschen in derselben Situation ausgesetzt sind, sind dieselben – nehmen wir zum Beispiel einen Garten an einem schönen Frühlingstag. Die verschiedenen Reize sind in ihrer Vielfalt kaum zu beschreiben: Die vielen Farben; darunter zig verschiedenen Grüntöne, die vielen bunten Blüten; weiter die vielen geometrischen Formen der unterschiedlichen Gewächse; dann die Bewegungen durch Wind, durch sich bewegende Vögel; dann die Geräusche: Vögel zwitschern, eine Katze streift durch das Gras; die unterschiedlichen Töne, die der Wind verursacht im Laub und Gras; die vielen Düfte, die der Wind uns zuträgt; am Himmel ziehende Wolken, die Änderung von Licht und Schatten, das Spüren der Sonnenwärme, der Hauch des Windes auf der Haut. Dazu  kommen Menschenstimmen aus dem Nachbargarten; Schritte und nahende Autos von der Strasse, das Motorengeräusch eines Flugzeugs hoch oben am Himmel…

Du hast schätzungsweise 30 -40 Sekunden gebraucht, um diesen Textabschnitt zu lesen. In der Wirklichkeit aber hast du all diese Wahrnehmungen ja innerhalb von einer halben Sekunde oder weniger.

Im Unterschied zu Normalsensiblen nehmen Hochsensible sehr wahrscheinlich mehr von diesen unzähligen Einzelheiten wahr.

Entscheidender ist allerdings, dass diese Wahrnehmungen auch anders bearbeitet werden.

Nachgewiesenermassen ist bei HSM die neuronale Vernetzung anders. (Wobei ich es dahingestellt sein lasse, was was bedingt: die andere Vernetzung die Hochsensibilität oder umgekehrt.) – HSM? Hoch-Sensible-Menschen – vielen ist die Abkürzung HSP für Hochsensible Person geläufiger.  Ich ziehe die Bezeichnung „Mensch“ der „Person“ unbedingt vor. (- Auch wieder typisch HS, dieser sensible Umgang mit Sprache -)  Allerdings ist die Übersetzung von HSP auch unkorrekt; diese aus dem amerikanischen stammende Bezeichnung bedeutet nämlich ursprünglich keineswegs Hochsensible Person, sondern highly sensitive processing – auf deutsch hochsensible Verarbeitung.

 

HSP -Highly sensitive processing

Rhododendron - was genau siehst du hier?
blühender Rhododendron

 

Gehen wir zurück in den Garten. Diese unendliche Flut von Sinneseindrücken! Die Frage lautet: Wie wirken sie auf dich?

Ein hochsensibler Mensch wird den obigen Text, die kurze Beschreibung des Gartenbildes, anders lesen als ein Normalsensibler. Er/Sie wird während des Lesens sämtliche beschriebenen Eindrücke unverzüglich innerlich erleben. Aber nicht nur das, er wird die Beschreibung ergänzen mit eigenen Erfahrungen und in sich spüren:  vielleicht Bienen summen hören; eine Amsel einen fetten Wurm aus der Erde ziehen sehen und bei dieser Vorstellung vielleicht Übelkeit empfinden. (Ups – das tut mir leid;  schnell weiter, dort hinten auf der Terrasse ist der Tisch gedeckt mit…..)

Auch ein Normalsensibler  wird wahrscheinlich den Garten vor dem inneren Auge sehen. Vielleicht auch Töne hören. Aber vermutlich wird er nicht die entsprechenden Empfindungen auf der Haut und die dazu gehörigen Geschmäcker spüren.

Moment mal – die Frage war ja, was ist anders an der Verarbeitung von Wahrnehmungen, also Sinneseindrücken; und nicht bei der  Textverarbeitung ?

Ja. Aber sowohl die Verarbeitung von Sinneseindrücken als auch die Verarbeitung eines Textes ist Denken.

Das heisst, die Art des Denken ist bei Hochsensiblen anders.

Unsere Wahrnehmungen und unser Denken ist normalerweise  nicht voneinander zu trennen.

Ausser in der Mathematik und in der Meditation! (- Das ist der Grund, warum Meditationen so unendlich beruhigend auf den Geist wirken: Denken bei Ausschaltung aller äusseren und inneren Wahrnehmungen.)

Da fehlt doch noch was? Genau: die Gefühle. Zu jeder Wahrnehmung kommen Emotionen hinzu, sowohl bei Hochsensiblen als auch Normalsensiblen.

Noch einmal muss der Garten bzw. die Beschreibung desselben herhalten. Zumindest „in echt“ löst dieser Garten eine Reihe von Gefühlen bei jedem Menschen aus: Freude, Genuss, Vorfreude auf Sommertage vielleicht..beim Hochsensiblen wirken die so ausgelösten Gefühle nachhaltiger. – Aber hier haben wir ja nur die Beschreibung eines Gartens!

Diese reicht allerdings, um bei HSM ebenfalls eine Flut von Emotionen auszulösen.

 

Das vernetzte Denken

 

Was bedeutet das?

Im Denken von Hochsensiblen Menschen ist alles mit allem verbunden. Nichts steht nur für sich; alles wird in Bezug gesetzt zur Gesamtheit.

 

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Der blühende Rhododendron; ein winziger Ausschnitt aus dem Garten: Assoziationen zu allen Frühlingen, allen Gärten, allen Rhododendren meines Lebens; allen Menschen, die jemals einen direkten örtlichen oder indirekten zeitlichen Bezug dazu hatten.

Hochsensible denken in Bildern. Riesige, unendlich vielschichtige, bewegte Bilder entstehen vor dem inneren Auge. Gleichzeitig erscheint dahinter schon ein neues Bild und noch eins.  Die so oft erwähnte Empfindlichkeit für Reizüberflutung hat hier ihren Grund!

Man kann auch sagen: Hochsensible denken radiär. Das heisst, von einem Punkt ausgehend strahlenförmig in alle Richtungen. Es werden zig Querverbindungen hergestellt, assoziiert, frühere Erfahrungen fliessen mit ein. Manche sprechen auch von analogem oder synergetischem Denken.

 

Der Unterschied zur Hochbegabung

Man findet öfter die Behauptung, Hochsensibilität gehe immer einher mit Hochbegabung (und umgekehrt). Das ist schon rein rechnerisch unmöglich bei geschätzten 2-3 % Hochbegabten und 15% Hochsensiblen. Als hochbegabt gilt, wer in Intelligenztests einen Wert  von mindestens 130 erreicht. (Deutscher Standard; bei amerikanischen Tests ergeben sich andere Werte.) – Ohne über den Sinn von IQ-Tests und den getesteten Inhalten diskutieren zu wollen, ist es eine Tatsache, dass auch Hochbegabte vernetzt im Sinne von radiär denken.

Es gibt dennoch einen grundlegenden Unterschied: Während bei Hochsensibilität die Vernetzung sich sowohl auf die Wahrnehmung, das Denken und das hochsensible Gefühlsleben bezieht, ist bei Hochbegabung denken und fühlen nicht in der Weise miteinander verbunden. Selbstverständlich gibt es hochsensible Hochbegabte; aber bei normalsensiblen Hochbegabten fehlt die hohe Sensibilität des Gefühlslebens und der starke Einfluss des gefühlten im Denkprozess.

Was bisher noch nicht erwähnt wurde, ist die Fähigkeit vieler, wenn auch wohl längst nicht aller Hochsensibler, Energien wahrzunehmen; sinnlich nicht wahrnehmbare  Emotionen und Befindlichkeiten anderer Menschen in ihrer Umgebung.  (Diese stellen einen weiteren Grund für die oft schnelle Reizüberflutung bei HSM dar.) Diese nicht-sinnlichen Wahrnehmungen von Emotionen bei Menschen und auch Tieren hängen vermutlich zusammen mit der berühmten Intuition Hochsensibler; auch die ist bei Hochbegabten nicht stärker ausgeprägt als bei Normalsensiblen.

Zufällig stiess ich gestern auf die Aussage, dass der Informations- und Forschungsverbund Hochsensibler e.V. bereits 2014 festgestellt hat, dass es keine besondere Korrelation zwischen Hochsensibilität und Hochbegabung gebe.

 

Vom Ganzen zum Detail

Hochsensible Menschen lernen und erfassen Inhalte anders. Sie gehen immer von der Gesamtheit aus,  und von da werden die Details erarbeitet. Von einem einzigen Detail ausgehen? Ohne zu wissen, wie das Ganze dann aussieht, wenn’s fertig ist? Fast unmöglich; auf jeden Fall viel schwieriger. – Das ist besonders wichtig zu wissen für Eltern, die ein hochsensibles Kind haben. Zwar gibt es heute wohl viele verschiedene Methoden des Lesenlernens; als Beispiel greife ich hier zwei Methoden heraus, die in den 90er Jahren ganz überwiegend angewandt wurden: Entweder es wurden Buchstaben gelehrt, mit den bekannten Buchstaben erste Wörter gebildet und gelesen; und so ging es Buchstabe für Buchstabe vorwärts. – Die andere Methode, sehr umstritten, für normalsensible und normalbegabte Kinder kaum zu bewältigen: Einen ganzen Satz lesen, ohne einen einzigen Buchstaben zu kennen. Und dann Wort für Wort, um erst dann die einzelnen Buchstaben zu lernen: Hochsensible Kinder lernen so am besten und schnellsten lesen.- Ein anderes Beispiel aus meinem Leben: Ich singe in einem gemischten  Chor. Bei neuen, schwierigen Stücken spielt unsere Chorleiterin jede einzelne Stimme nur als Melodie für uns ein und schickt sie als MP3, zum lernen.  Was soll ich damit? Unmöglich! Erst Melodie, dann Text? Was ist mit der Dynamik? Mit dem Gesamtklang, gemeinsam mit den anderen Stimmen?  Zum Glück gibt es Youtube, wo ich fast alles finde, das ganze Chorwerk hören kann; wunderbar um meine Stimme zu lernen – denn das kann ich nur im Zusammenhang mit dem Gesamtwerk.

 

Zusammenwirken – der Klang einer Seifenblase

Spiegelungen

 

Zusammen – das ist ein Schlüsselwort bei Hochsensibilität. Alles wirkt zusammen: Denken, fühlen, wahrnehmen, erinnern. Ein Hochsensibler erlebt sich als Teil eines Ganzen, er empfindet den Zusammenhang mit der ganzen Welt.

Zusammen mit, gemeinsam, zugleich, gleichartig: Das ist die Übersetzung der griechischen Vorsilbe syn.

So ist es kein Wunder, dass sehr viele  Hochsensible Synästhetiker sind. Manche Autoren behaupten, alle HSM seien Synästhetiker. Einleuchtend ist es jedenfalls, da, wie dargestellt, bei Hochsensibilität alles mit allem verbunden ist.

Die meisten Synästhesien sind ziemlich unspektakulär; kaum ein Synästhetiker hört Farben als Töne.  Die allermeisten Synästhesien sind recht bescheiden: bestimmte Geräusche lösen starke Kältegefühle aus. Andere Töne schmecken nach etwas. Gerüche lösen Hitze aus. Bestimmte Gefühle entsprechen bestimmten Farben – um nur einige Beispiele zu nennen.

Da Synästhesien von Geburt an bestehen  – wie Hochsensibilität -, ist den allermeisten Synästhetikern aber gar nicht klar, dass es sich um Synästhesien handelt – sie wissen gar nicht, dass andere Menschen nicht diese gleichzeitigen Empfindungen haben!

Gerade dieses Kapitel ist noch so gut wie gar nicht erforscht, in diesem noch so neuen Modell der Hochsensibilität, deren gesamte Erforschung ja noch in den Kinderschuhen steckt. So gibt es, bisher unbewiesen und unwidersprochen, die Aussage einer Expertin für HS, dass es sich bei dem typisch hochsensiblen Mitgefühl, dem Mitempfinden von  Emotionen eines anderen Menschen, ebenfalls um eine Synästhesie handele.

Tatsächlich kann dieses Mitempfinden so stark sein, dass der Hochsensible gar nicht weiss, ob das, was er empfindet, aus ihm selbst kommt, oder ob er es übernommen hat vom Gegenüber. Auch Gefühle sind Wahrnehmungen. Ob ein Hochsensibler mehr in den äusseren Sinneswahrnehmungen, mehr in emotionellen Wahrnehmung lebt, ist individuell verschieden, gleich ist aber immer die Vernetzung und die sehr intensive und lange nachhallende Wirkung aller Eindrücke.

 

Hochsensibilität ist keine Krankheit

Sondern eine genetische Variante, die mit ganz besonderen Begabungen verbunden ist.  Es gibt psychische und nervliche Erkrankungen, die ebenfalls mit einem vielschichtigen Bilderdenken einhergehen. Anders als bei solchen Erkrankungen ist der Hochsensible diesen Bildern und damit verbundenen Empfindungen nicht hilflos ausgeliefert, sondern kann diese kontrollieren.

Ausserdem, und das ist wichtig zu wissen!- kann jeder hochsensible Mensch (- ausreichende intellektuelle Begabung vorausgesetzt; es gibt sehr viele hochsensible sogenannte geistig-behinderte Menschen -) auch linear, also rein kognitiv und logisch denken.

 

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