Beziehunghochsensible KinderNeurodiversität

Hochsensibel – oder doch Asperger?

ein buntes Blatt fällt ins Auge

Manchmal ist man ja betriebsblind. So ging es mir lange Zeit mit dem Thema „Paarbeziehungen zwischen Hochsensiblen und Aspergern“. Hochsensible und Paarbeziehungen sind ja einer meiner Schwerpunkte; auch war mir durchaus bekannt, dass Beziehungen zwischen Aspis und HSM sehr häufig sind. In den bereits erschienenen Artikeln Hochsensibilität und Paarbeziehung wird allerdings die Beziehung zu Aspis kaum erwähnt, stattdessen ging es sehr viel mehr um die Beziehungen zu Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung.

 

Eine Persönlichkeitsstörung ist, jetzt mal ganz platt gesagt, eine Fehlentwicklung bei einem gesunden Menschen ab der Pubertät oder früher bei demjenigen Teils der Persönlichkeit, die man als  Charakter bezeichnet. Noch vor vielleicht 40 Jahren nannte man diese Art Persönlichkeitsstörungen deshalb auch Charakterschwäche.

 

Das Aspergersyndrom

 

Asperger gilt als frühkindliche Entwicklungsstörung. Es handelt sich genau wie bei Hochsensibilität um eine neuronale Variante.

 

Im Gegensatz zu Hochsensibilität gilt Asperger allerdings als Krankheit; ist offiziell im internationalen Katalog der Diagnosen mit der Bezeichnung ICD 10 vertreten; – auch wenn eine Entwicklungsstörung keine Krankheit in dem Sinne ist.

 

Asperger ist ein Syndrom, was bedeutet, es wird diagnostiziert, wenn von xxx Symptomen xx vorhanden sind. Das heisst aber auch, es ist ein Spektrum, nicht jeder Aspi hat alle Symptome; wie es nicht „den“ Hochsensiblen gibt, gibt es auch nicht „den“ Aspi. Und: Asperger hat man nicht, sondern man ist.

Eine weitere Ûbereinstimmung mit HS ist: Asperger ist ebenfalls erblich, es tritt sehr gehäuft in manchen Familien auf.

 

 

Vielleicht geniesst die junge Frau ihr Alleinsein.
Introvertiert, hochsensibel, oder einsam?

 

Tatsächlich gibt es viele Gemeinsamkeiten zwischen HSM und Aspis. Handelt es sich beim Asperger Syndrom wirklich um eine Entwicklungsstörung? Von vielen Aspis wird das verneint. Sie kommen wunderbar im Leben zurecht. Allerdings benötigen sie doch in den allermeisten Fällen bestimmte Strukturen am Arbeitsplatz, um gut zurechtzukommen. Und ich wage zu behaupten: Die Aspis, die gut im Leben zurechtkommen und sich nicht als behindert empfinden, sind alle hochbegabt.

 

Normalsensible bzw. Neurotypen

Ganz normale Menschen, die etwas unterdurchschnittlich intelligent sind, können in aller Regel ohne weiteres einem gelernten Beruf nachgehen und ein völlig selbständiges Leben führen. Das  trifft das auf Aspis mit gerade durchschnittlicher Intelligenz nicht zu: Sie scheitern am Alltag und brauchen betreutes Wohnen und betreute Arbeitsplätze in betreuten Werkstätten. Insofern neige ich zu der Ansicht: Ja, Asperger ist eine mehr oder weniger schwere Entwicklungsstörung, deren Wirkung aber häufig durch hohe Intelligenz ausgeglichen wird.

 

Obwohl Hans Asperger das Syndrom, das seinen Namen trägt, erstmalig 1944 beschrieb, wurde davon recht wenig Notiz genommen, im Gegensatz zum frühkindlichen Autismus, der nur wenige Jahre zuvor von Leo Kanner beschrieben wurde.

 

In das psychologische Interesse durch neue Diagnoseverfahren rückte das Asperger Syndrom erst gegen Mitte der 90er Jahre – zur selben Zeit wie Hochsensibilität. (- O Gott, hoffentlich wird unsereiner  nicht in 20 Jahren  Aron genannt! -)

 

Das bedeutet, es gibt sehr viele Aspis, die heute 40, 50, und mehr Jahre zählen, die niemals diagnostiziert wurden, da sie wegen ihrer hohen Begabung nie Probleme gemacht haben. Ja, ich sage bewusst: Probleme gemacht haben.Das heisst keineswegs, dass sie keine gehabt hätten. – Und die nicht so gut begabten Aspis im selben Alter? Ich bin überzeugt davon, wenn man heute alle Lernbehinderten und Minderbegabten im entsprechenden Alter, die auf Sonderschulen und später in Behindertenwerkstätten landeten, daraufhin testen würde, dann würde man feststellen, dass der Prozentsatz der Bevölkerung an Aspergern keineswegs zugenommen hat, sondern bloss früher eben nicht erkannt hat.

 

Das Wrong Planet Syndrom

Denn obwohl das Asperger Syndrom zum autistischen Formenkreis gehört, sind Aspis nicht so, wie man sich Autisten vorstellt. Sie gelten oft als Sonderlinge; aber niemand, der nicht „vom Fach“ ist, würde einen Aspi für einen Autisten halten – makabererweise oft am wenigsten die Menschen, die beruflich viel mit geistigbehinderten Kannerautisten zu tun haben. So ist eine der bekanntesten Eigenschaften – oder Vorurteile? – über  Autisten, die Unfähigkeit, Kontakt zu anderen aufzunehmen sowie die Unfähigkeit, Menschen anzusehen. Das trifft auf Aspis gar nicht zu. Im Gegenteil gibt es Aspis, die ohne Unterschied beinahe distanzlos zu jedem Kontakt aufnehmen und überhaupt keine Probleme damit haben, anderen in die Augen zu schauen. Trotzdem gilt: Das Problem, das alle Aspis haben (- oder vielleicht muss man sagen: Das Problem, was die anderen mit Aspis haben -) sind immer soziale Beziehungen. Die Art, wie Beziehungen jedweder Art gepflegt und gelebt werden, welche Rolle sie im Leben einnehmen, ist bei Aspergern anders. Anders als bei Neurotypen. Und anders als bei Hochsensiblen. Dasselbe gilt für Kommunikation.

 

Man nennt das Asperger Syndrom auch „Wrong PlanetSyndrom“; sehr treffend. Und HSM? Die sagen nicht unbedingt, dass sie hier auf dem falschen Planeten sind, sondern, sie kommen von einem anderen Planeten.

 

Kein Wunder- auch HSM leben ihre Beziehungen anders, kommunizieren anders. Anders als Neurotypen. Aber auch anders als Asperger.

 

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Ergänzend ist hier unbedingt hinzuzufügen, dass sich Asperger bei Frauen meistens noch mal ganz anders zeigt als bei Männern, und als sehr viel schwerer zu diagnostizieren gilt.

 

Paar geniesst die Ruhe am See
ein Paar

 

Asperger und Paarbeziehung

Viele Aspis sehen sich selbst als nicht beziehungsfähig. Manche wollen nicht mit einem Menschen eine so enge Bindung eingehen, in der man zusammen wohnt.

 

Viele Aspis sehnen sich nach einer eigenen Familie. Aber das Zusammenleben von Aspis und NT, wie sie liebevoll spöttisch Neurotypen nennen – ist ein Minenfeld, das häufig schnell zur Trennung führt.

 

Also suchen Aspis in aller Regel Aspis als Partner oder noch lieber….. – ich muss es nicht schreiben, ihr kennt die Antwort, nicht wahr?

 

Hochsensible und Asperger

können sich sehr gut ergänzen – wenn jeder die diametral entgegengesetzte Denkweise des anderen sowie dessen vollkommen andere Gefühlswelt akzeptiert. Für den HSM ist das Zusammenleben mit einem Aspi in vieler Hinsicht sogar einfacher als mit einem anderen Nicht-HSM: Der Aspi lässt ihn, wie er ist, lässt ihm Freiraum, Ruhe, sein eigenes Leben, und versteht all die Merkwürdigkeiten- ob das nun Ekel vor bestimmten haptischen Eindrücken ist oder sonst was. Viele HSM haben einige oder viele autistische Züge, die NSM so seltsam vorkommen, dass es sich wunderbar anfühlt, sich mal nicht erklären zu müssen. Und Aspis sind in einigen Sinnesbereichen hochsensibel, so dass auch in diesem Punkt oft wunderbare Übereinkunft besteht.

 

Ein gewisses Problem liegt darin, dass es leider recht häufig ist, dass Aspis, die nicht als Kinder diagnostiziert wurden durch fehlendes Verständnis in ihrer Umgebung Persönlichkeitsstörungen entwickeln. Dabei können sehr schwierige Konstellationen entstehen mit entsprechenden Auswirkungen auf die Beziehung.

 

Aber ich habe Anlass zu der Vermutung, dass es ungezählte Paare bei den Generationen ü 40 gibt, in denen ein HSM und ein Aspi glücklich oder auch weniger glücklich zusammenleben, ohne dass beide sich überhaupt bewusst sind über die eigene und des Partners neuronale Variante.

 

Ist das denn nicht wunderbar? Wo ist das Problem?

Ich komme zurück zum Anfang des Artikels: Ich war lange betriebsblind.

Hochsensibilität ist erblich. Nicht jedes Kind eines HSM ist ebenfalls HS, oft wird auch mindestens eine Generation übersprungen. Oft ist nur eins von mehreren Geschwistern HS, aber oft auch alle.

Asperger ist ebenfalls erblich.

Paare bekommen Kinder.

Und die Kinder mit einem Asperger-Elternteil und einem Hochsensiblen Elternteil sind?

 

Hochsensibler Elternteil plus Asperger Elternteil ergibt…..

 

Apfel und Birne mit Pflaumen
Apfel, Birne und Pflaumen

 

Sie könnten hochsensibel sein. Sie könnten Asperger sein.

Aber – kann es sein, dass zumindest einige dieser vielen, vielen Kinder (und längst erwachsenen Nachkommen) weder noch sind, sondern eine dritte neuronale Variante?

Dass es Menschen gibt, die sowohl HS als auch Asperger sind?

Ich höre schon die Leser rufen: Ja und? Was soll das? Lass doch das Schubladendenken, hör auf damit, die Menschen irgendwo reinstecken zu wollen!

Denn, wenn meine Hypothese stimmt: dass es Menschen gibt, die sowohl HS als auch Aspi sind, dann sind das Menschen, die in keines der Schemata passen und in allen entsprechenden Tests negativ abschneiden.

Denn obwohl Asperger in vielen Sinnesbereichen so intensive Wahrnehmungen haben, dass man sie als hochsensibel bezeichnet (- und hier stosse ich wieder auf mein Problem mit dem Begriff der Hochsensibilität -), nehmen sie eben doch anders wahr. Verarbeiten und denken anders. Fühlen anders.

Der HSM sieht und erlebt das Ganze. Fühlt sich mit der ganzen Welt verbunden. Jeder Gedanke, jede Wahrnehmung wird sofort mit unzähligen anderen Wahrnehmungen, Gedanken vernetzt. Deshalb haben sie oft Probleme, bei der Sache zu bleiben, oder sich zu konzentrieren.

 

Aspis fokussieren. Denken von A nach B. So konsequent, dass sie grosse Probleme haben, Unterhaltungen mit mehreren Strängen zu folgen, oder komplizierte Arbeitsanweisungen zu verstehen. Immer nur eins auf einmal, bitte!

Apfel, Birne oder Birnapfel?

Wie könnte man sich nun einen Menschen vorstellen, der sowohl HSM als auch Aspi Anteile in sich trägt?

Wie bereits erwähnt, gibt es sehr viele HSM, die so viele autistische Züge haben, dass sie sich selbst als Grenzautisten bezeichnen. Das können beispielsweise sehr extreme Essensvorlieben sein, oder auch die starke Reaktion auf haptische Reize, die schon ins Bizarre gehen, wie das Rieseln von Wasser über die Haut. Aber all das gehört zum Spektrum von HS.

Was also ist es dann?

Mir begegnen in letzter Zeit immer häufiger zwei verschiedene Gruppen von Menschen, Erwachsene und Kinder, die ganz klar HS sind, was ihre Denkweise und Wahrnehmungsverarbeitung betrifft.

Die Menschen der einen Gruppe bezeichnen sich selbst als unfähig, tiefe Beziehungen zu Menschen einzugehen, trotz vorhandener Empathie. Verbindungen bleiben oberflächlich oder werden schnell wieder gelöst. Das steht in sehr starkem Widerspruch zu HS.

Die Menschen der anderen Gruppe gehen tiefe Beziehungen ein, haben aber massive Probleme in alltäglichen sozialen Kontakten und Kommunikationsprobleme, da sie trotz tiefen Mitgefühls für andere Lebewesen unfähig sind, Mimik und Gestik zu interpretieren. Das ist ein typisches Asperger Problem.

Es gibt wohl noch mindestens eine dritte Gruppe, wie mir berichtet wurde: Menschen, die von ihrer Denk- und Wahrnehmungsweise eindeutig Asperger sind, aber in der Verarbeitung ihrer Gefühle HS sind; sehr tiefe, dauerhafte Beziehungen eingehen, in denen sie genau so viel Nähe suchen wie HSM und auch eine ebenso ausgeprägte Empathie und Mitgefühl für andere haben wie HSM.

Der Hybrid und der Psychologe

Falls es so ist: Dass es eine dritte neuronale Variante gibt, halte ich es für sehr wichtig, das publik zu machen. Denn nachdem allmählich HS in das Blickfeld von Kinder- und Schulpsychologen rückt, sind es wohl vor allem Kinder, die massiv darunter zu leiden haben, dass sie in keine Schublade passen. Dass diese Kinder bei bestimmten Problemen und Verhaltensauffälligkeiten auf Asperger getestet werden, ist heute schon an der Tagesordnung.

Möglicherweise fallen alle oder fast alle Kinder in diese Gruppe, die eine ADHS oder ADS Diagnose erhalten und mit Methylphenidat, besser bekannt unter dem Markennamen Ritalin ruhiggestellt werden. Die Nebenwirkungen dieser Droge sind hinlänglich bekannt., allerdings ist das Mittel erst zu kurze zeit im Einsatz, dass die Langzeitwirkung erforscht ist. Nach Berichten von betroffenen Eltern setzt Methylphenidat die Sensibilität herab! – Das heisst, die wunderbaren Gaben der HS werden möglicherweise zerstört!

Allerdings erhalten generell viele hochsensible Kinder eine ADS Diagnose; aber zum Glück gibt es immer mehr Psychologen, die darauf spezialisiert sind, diesen Kindern zu helfen.

 

Kind spielt mit Blättern,  egal ob neurotypisch, hochsensibel oder Asperger
Einfach nur ein Kind

Nur, die Kinder dieser dritten Variante gelten nicht als HS, vor allem aber brauchen sie ein andere Art von Hilfe.

Bis jetzt handelt es sich um eine Hypothese.

Sinn dieses Artikels ist, Aufmerksamkeit zu erzeugen für Menschen, vor allem sehr junge Menschen dieser beschriebenen abweichenden Gruppen, anzuregen zu eigenen Recherchen und zum Diskutieren.

Teilen dieses Artikels ist deshalb sehr erwünscht!

(Kommentare selbstverständlich auch.)

 

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